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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 94)
Language
German
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Weisheit Salomos besäße und träfe in einem Dorf einen armen niedren Priester - ich würde nicht predigen ohne seine Erlaubnis", sagt Franziskus in seinem Testament; und er will diese Männer lieben und ehrfürchten und nichts von der Sünde sehen, die an ihnen könnte gefunden werden. So entdeckt Franziskus niemals an seiner geistlichen Mutter, der Kirche, die bloß zeitliche im Gegensatz zur himmlischen Gewalt; der Mantel des Bischofs, der in der Stunde der Abkehr vom leiblichen Vater seine Blöße verhüllt hat, deckt ihn für immer und weiht ihn, nachdrücklicher fast als jede mögliche Ordination, zum treuen Sohn der Kirche: hier und nur hier vollzieht sich eine Adoption, die nicht zur Ketzerei führt. Franziskus, nicht Umgestalter der Kirche und noch weniger Empörer, schreitet unbeirrt über die Wogen des Ketzermeers seiner Zeit, dem Schifflein Petri im Sturm beizustehen: ..den römischen Priestern zu Hilfe zu kommen, hat der Herr uns berufen". Es besteht kein Gegensatz zur herrschenden Kirche darin, daß Franziskus stets für sich und die Seinen jedes besondere Privileg ablehnt; dies geschieht, weil in seinem heilig-wirklichen Bereich Juristisches und Vertragähnliches keinen Sinn mehr hat; derartige Bindung ist gegenstandslos in dem Gottesreich, das ihm vor Augen steht. Nichts aber darf gegen den Willen der Kirche und ihrer Vertreter unternommen werden; der Gang des Franziskus zum Papst ist Anerkennung des für ihn göttlich Geordneten. Und wenn er sich in jedem späteren Entschluß dem Rat eines hohen Kirchenfürsten fügt, so ist auch dies keine Kapitulation vor der Macht; nur die Einheitlichkeit seiner Welt bewährt sich in solcher aus dem Vertrauen zu Amt und Person geborenen Beziehung. So geht denn alles Sein der Kirche, wie es ist - Gründung des Erlösers und Anstalt der Erlösung - in diesem Leben ohne Rest auf. Was aber der Kirche gilt, das gilt auch der Welt: alles kann und soll in den Stand der Erlösung kommen. Dem Apostel Franziskus sind beide Elemente, Kirche und Welt, in einem fragloser und selbstverständlicher Grundstoff, Träger, Besitz. Der Glaube an das Zugleichsein der Erlösung in der Kirche und in der wahrhaft christlichen Menschheit, ein messianisches Bewußtsein, aber ohne jede chiliastische Errechnung eines Zeitpunkts, erfüllt das Tun des Franziskus; als Zeit- und Ewigkeitsgenosse kommt er zu den Menschen, ihrer christlichen Wirklichkeit sicher: die Angehörigen der einzigen Menschheitsgemeinde macht er zu Gliedern des einen sichtbaren Gotteskörpers, der Kirche. Daß es nur des freien Entschlusses bedarf, um des Reichs ansichtig 228

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