Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 95)
- Language
- German
- Belongs to
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zu werden und ihm anzugehören, ist die Lebensgewißheit dieses Mannes für die Völker, die genau ebenso starkist, wie seine Heilsgewißheit in der Kirche. Was bisher der Kirche unmöglich schien, weil sie es mönchischem Geist vorbehalten und schlichter Seele versagt glaubte, was die Völker höchstens von gewaltsamer Verwandlung erhofften, weil ihnen die Kirche als etwas im letzten Ziel allzusehr oder im irdischen Ringen allzuwenig Jenseitiges und Vollkommenes erschien, das macht der Mann von Assisi einfach durch sein Da-sein wirklich: indem er den Sinn der Kirche und das Sinnen der Völker auf die gleiche Ebene, den gleichen Nenner seiner Alltagsrealität bringt/erscheint jenen an ihm das Heil. Wir wissen, daß der Gang der Welt unumkehrbar und unwiederholbar ist und daß Gott kein Ding zum zweitenmal tut - hier aber geschieht, was des Christen ewige Not heischt: nicht eine unmögliche Wiederholung des Gleichen, noch immer nicht die ewig erhoffte vollendende Wiederkehr des Verklärten, sondern Nachfolge des leibhaftig Ähnlichen. Aus dem wechselseitigen Sich-Verlangen der Kirche und der Völker Europas steigt, wie Erhöhung ringenden Betens, an seinem Ort und zu seiner Stunde das Wunder der christlichen Gestalt auf. Am Einzelmenschen, an der Persönlichkeit eines Einzigen, ereignet sich dies Wunder; in ihm und nur in ihm vollzieht sich die Vereinung der christlichen Kirche und ihrer Völker, der getauften Völker und ihrer Kirche. Er ist der Mittel- und Wendepunkt, der Vermittelnde, dessen alles bedarf, was um des christlichen Heils willen geschieht, in dem alle Strahlen aus der Sehnsucht in die Erfüllung gebrochen werden. Die Wirklichkeit, die hier sichtbar wird, ist von persönlicher Art. Beide, das Wunder und seine Wirklichkeit, sind christlich; sie sind nicht gleich dem dauernden Wunderdasein des ewigen Volkes und nicht gleich seiner Wirklichkeit, deren „Wir alle66 Geschlecht an Geschlecht reiht: denn das Zeichen des allerersten trennenden und anhebenden „Ich aber44 bleibt Gepräge des christlichen Seins für alle Zeiten. Mag nun das Ereignis jenes Einzeldaseins sich zu einer Gemeinschaft und Reichs Verwirklichung im Sinn der christlichen Botschaft weiten; in seiner äußersten Stunde wird es sich doch wieder in sich selber verdichten und sammeln müssen. Letztes und Unerfülltes wird sich an und mit dem Einzelnen und Einsamen zur Bildgestalt des Ersten und Einen emporsteigern, um so allein als dauernder Strahl über den Fluten der christlichen Geschichte weiterzuleuchten.