Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 92)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0232-2824301- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
eine irdisch-zeitliche und eine jenseitig-ewige Welt. Er selber aber hat sich als den Einer und Mittler zwischen die beiden Welten gestellt. In der Absage des Francesco geschieht etwas Ähnliches - nicht das Gleiche: er legt seinen welthch-bürgerlichen Namen ab, indem er sich von seinem Vater scheidet; die Zweiheit der bereits bestehenden erlösten und der noch verharrenden unerlösten Gemeine, der heilbewahrenden Kirche und der heillosen Welt wird sichtbar. Der Vorgang spielt sich nicht, wie jener erste, im „metaphysischen" Raum, sondern im Zeitraum der christlichen Geschichte ab; denn das Geschehen des Anfangs hat an das Sein des Ew gen Volkes gerührt, dieses Ähnliche aber berührt es nicht mehr: es ist rein und ausschließlich christliches Ereignis. Wiederum ist es die Persönlichkeit, die als irdisches Spiegelbild jenes Ersten verbindender Weg wird: diesmal gilt es, die Kluft zwischen Gottesreich und Menschenreich auf dieser Erde zu überbrücken. Francesco widmet sich wörtlich und örtlich der ihm gestellten Aufgabe: er baut wirklich zuerst die Kirchen von S.Damiano und S.Pietro, dann auch die uralte Portiunculakapelle im Tale unterhalb seiner Vaterstadt neu, erbettelt sich die Steine dazu und trägt gern alle Mühe und allen Spott. Die Arbeit am Kirchenbau ist das erste Sichtbare im Werkleben des Francesco; auf bestehendem Fundament errichtet er aus Mauern wirkliche Gotteshäuser. Aber zum Neubau der großen Gemeinde auf der für den Christen ein für allemal gegebenen Grundlage, zur Wiederherstellung der Kirche auf ihrem Fundament Christus bedarf es eines neuen Bauplans und anderer Bausteine. Dem heranreifenden Meister muß in dem für alle lesbaren Wort die Anweisung gegeben werden - eindeutig, ohne Allegorie, nicht mehr in Traum und Gesicht, die nur dem Einsamen zuteil werden können; das dritte Wort, das Francesco vernimmt, ist von solcher Art: es weist ihn zu den Menschen, die Helfer am Werk und Stoff des Baus zugleich sein sollen. In der Messe hört er nicht Apostelworte, sondern unmittelbar die Evangelienworte selbst: „Geht hin, predigt und sprecht: das Himmelreich ist genaht" - und jetzt erst darf er seine Aufgabe ohne Gefahr des Irrtums wörtlich fassen. Denn der Wortlaut der Schrift sagt ihm, daß der Auftrag um des Gottesreichs willen ergangen ist, daß die christliche Reichsgestalt auf Erden seiner bedarf. Genau so, wie die Aussendungsworte es den ersten Aposteln vorgeschrieben haben, wird Francesco fortan mit den Menschen leben, 226