Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 91)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0231-2824300- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Straße stehenbleibt, versinkt endlich der Weg zu weltlicher Lust völlig vor seinen Augen. Versuche und Vorübungen zu einem noch unerkannten Ziel setzen ein; er unternimmt eine Wallfahrt nach Rom und spielt dort an geweihter Stätte, im eingetauschten Gewand eines Armen, einen Tag lang den Bettler; die schöne Braut, mit deren Wahl ihn seine Genossen geneckt haben, sollte die Armut sein. Mehr noch: er darf in seiner Vollendung keinen Ekel mehr kennen; Heilung und Heil müssen eins werden. Noch ist ihm die Wunderkraft des Heilens nicht zuteil geworden; aber die seelische Kraft der Selbstüberwindung bringt dieser Verzärtelte auf: wider seine Empfindlichkeit zwingt er sich zu den Ärmsten der Armen, hilft den Aussätzigen, den von allen gemiedenen furchtbar Kranken und küßt die Hände, die das Leiden entsetzlich gezeichnet hat. Mit Inbrunst gräbt er in der Tiefe seines Herzens nach dem Schatz der Hingabe: immer stärker springt der Quell seines Willens - aber wohin soll er ihn leiten? Da schaut er das zweite Zeichen und vernimmt das zweite Wort; in der kleinen halb verfallenen Kirche von S.Damiano spricht das Kruzifixusbild zu ihm, die dunkelernste Hieroglyphe wird zur lebendigen Rede: „Francesco, mein Haus stürzt ein - baue es neu!" Dieser Befehl scheint klarer, als die vorausgegangenen Fragen und Weisungen; er führt den bisher nur Erschütterten und Gewandelten zum Greif bar-Wirklichen, wenn auch nicht Voll-Verstandenen. Bisher hatte wohl keiner von dem Geheimnis dieser Seele etwas bemerkt - nun sehen die Menschen, was geschieht: Francesco entäußert sich seines ganzen persönlichen Besitzes, erregt durch einsiedlerische Lebensweise in strengster Entsagung das Befremden seiner Mitbürger und schließlich den Zorn seines von der völligen inneren und äußeren Veränderung des Sohns peinlich überraschten Vaters. Den aus freien Stücken wirklich zum zerlumpten Bettler Gewordenen verfolgt das Lachen der ehemaligen Festgenossen; den mißratenen Sohn zieht der in seiner Bürgerehre gekränkte Bernardone vor das Gericht des Erzbischofs und hier ereignet sich etwas Unerhörtes: Francesco wirft dem Vater seine Kleider vor die Füße. Den Nackten deckt der Bischof mit seinem Mantel. Mit scharfem Schnitt trennt sich der Mensch von seiner Wurzel los. ,Weib, was hab' ich mit dir zu schaffen?44 hat einst Jesus von Nazareth zu seiner Mutter gesprochen. Das Wort löst ihn von Stamm und Blut des Einen Volkes und offenbart zugleich die ungeheure Zerspaltung der einziggeschaffenen in