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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 89

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 89)
Language
German
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und Lernen, zeichnet die Zeit ihre Charaktere: ihr Lied, ihr Sehnen und ihr Streit klingt und blitzt in seine erwachende Seele. Neben der den La'enkreisen zugänglichen Bildung formt französische Sprache und Kultur den Geist des Heranwachsenden; denn von seinen Reisen bringt der Vater, wie alle Kaufleute jener Tage ein Träger jeder neuen Nachricht, süße Troubadourlieder und stolze Rittergeschichten mit, aber auch wohl mancherlei Kunde von dem neuen Wesen, das in Südfrankreich die Gemüter erregt. Pietro Bernardone läßt seinen Sohn im Genuß des Reichtums frei hinleben; auch da dieser sich dem ausgelassenen Treiben der adligen Jugend allzu willig anschließt und Geld mit leichter Hand vergeudet, drückt er gern, geschmeichelt sogar, ein Auge zu und die gütige Mutter meint, daß aus dem Knaben doch noch ein rechter Christ werden könne. Was nun im politischen Leben der Vaterstadt sich begibt, das lebt Francesco in fröhlichem Eifer mit: den Kampf um die Freiheit gegen den kaiserlichen Vogt, den Bau starker Wehr und Mauer, den Streit mit der mächtigen Nachbarstadt Perugia. Der junge Krieger gerät in Gefangenschaft; die eigene Heiterkeit der Seele, der Frohsinn, der die Lebensluft seines Daseins ist, verläßt ihn auch im Kerker nicht. Dort gerade spricht er zu mitgefangenen Freunden, die über seinen leichten Sinn staunen, das seltsame Wort: „Wißt ihr nicht, daß eine große Zukunft meiner harrt und daß eines Tags die ganze Welt sich anbetend vor mir neigen wird?46 Heimgekehrt erkrankt Francesco, aber kaum genesen, plant er die Teilnahme an einem ritterlichen Heereszug. Mit größtem Glanz rüstet er sich zur Fahrt, und abermals fällt ein merkwürdiges Wort: „Ich weiß, daß ich ein großer Fürst sein werde/* Unmittelbar vor der Ausreise ereignet sich zweierlei, belanglos und doch zeichenhaft in Tat und Erscheinung: der Ritterliche schenkt seine eigene kostbare Gewandung einem armen Edelmann; der Abenteuerfrohe träumt von einem Palast, der ihm gehören soll, angefüllt mit glänzenden kreuzgezierten Waffen, von einer schönen Jungfrau, die ihn liebend erwartet. Mit dem Fähnlein der Ritter von Assisi zieht Francesco aus - aber schon in dem nahen Spoleto kehrt er um und kommt nach Hause zurück: ein Gewandelter, der seinen Tag von Damaskus erlebt hat. Bis zu diesem Augenblick hat sein Dasein in einem lachenden Eigenlicht gestanden; aus irdischer Selbstsicherheit klingen jene beiden Äußerungen über seine Zukunft: sie sind Rufe, die er aus sich selber ergehen 223

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