Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 87)
- Language
- German
- Belongs to
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sachern der Kirche drohen; auch was im Anbeginn friedlichen Sinnes scheint, das schlägt, wie die Bewegung des Peter Waldes, in Ketzerkampf um. In Spannung und Widerstreit lebt die Zweiheit von formendem Geist und lebendigem Stoff, von gestaltendem Willen und strömendem Trieb fort, beides im Namen des christlich Höchsten und Heiligsten. Kein Ende ist dem Ringen abzusehen, das die Kirche um die Völker führen muß, kein Frieden dem Kampf in Spruch und Widerspruch, den doch ein tiefes und starkes „Ich lasse dich nicht" durchtönt. Da bricht der Tag an, dessen Licht nicht aus dem kalten Glanz der Kirche und nicht aus den lodernden Gluten der Empörer, sondern aus dem sonnenhaften Herzen eines einfachen Menschen strahlt. Zwei Zeiten trafen sich einst in der Stunde, da das Wort aus dem einen Volk herausfuhr; ein Menschenleben trat in die Wende, da Paulus seine christliche Wegweisung empfing; ein Weltsinn wurde offenbar, da Augustin sein kirchliches Gedankenwerk begann. Ein Sich-Treffen zweier Menschen bezeichnet den Augenblick in der Geschichte des Christentums, in dem Kirche und Völker sich vereinen sollen: dem mächtig thronenden Papst naht sich der arme Bote des Volks, erneute Aussendung und erstandenes Ebenbild, währende Geschichte und wirkende Ewigkeit schlingen sich in eins. ★ * * Aus einer kleinen Hügelstadt Umbriens sind elf junge Menschen nach Rom gekommen; sie wollen nach der Absicht ihres Führers, des Francesco Bernardone, in der Form des Evangeliums leben. Drei Worte des Xazareners, Sätze der Verheißung und Forderung, hatte jener ihnen vorgelesen : „Willst du vollkommen sein, so gehe hin, verkaufe, was du hast, und gib's den iirmen, so wirst du einen Schatz im Himmel haben, und komm und folge mir nach.66 „Ihr sollt nicht Gold, noch Silber, noch Erz in euren Gürtein haben - auch keine Tasche zur Wegfahrt, auch nicht zwei Röcke, keine Schuhe, auch keinen Stecken. Denn ein Arbeiter ist seiner Speise wert." „Will mir jemand nachfolgen, der verleugne sich selbst und nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach.66 Nun wollen sie, daß das Oberhaupt der Kirche ihnen als einer neuen Gemeinschaft dies Leben zu führen gestatte. Der Weg zum Papst wird ihnen durch den Bischof von Assisi geebnet; der einführende Kardinal 221