Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 86)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0226-2824295- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Er sieht in der Aufeinanderfolge dreier Weltalter das Leben der Menschheit vor Gott: das erste Weltalter war das des Gesetzesgehorsams, das zweite das der Kindesliebe, das dritte wird das der Freiheit sein. Die Zeiten der Furcht, des Glaubens, der Liebe, das Dasein der Sklaven, der Söhne, der Freunde, das Lebensalter des Greises, des Jünglings, des Kindes folgen einander; aus dem Gesetz des alten Bundes wächst die Herrschaft Christi, aus dieser die ewige Schau. Das Reich des Vaters wird abgelöst vom Reich des Sohnes und dieses vom Reich des heiligen Geistes, von dem es heißt: Wo der Geist des Herrn weilt, da ist die Freiheit. Unter apokalyptischem Alpdruck bebt die Gedankenwelt des Kalabresers; wie Augustins Werk vom Gottesstaat von den Erschütterungen des untergehenden Römerreichs erfüllt ist, so werden in ihrer Zeit die Schriften Joachims zwangsläufig Weissagungen kommender Wende, Posaunen letzten Gerichts. Joachim verkündet aber keinen Untergang der Kirche: sie wird vielmehr gerade erhöht werden und die Führer der erlösten Welt des Geistes werden Mönche sein; sie werden der heiligen Gemeinde vorstehen, wie die Priester der Kirche die Laien dieser Welt leiten und wie ehedem die Leviten des Gesetzes gewaltet haben. Diese Lehre ist für die bestehende Kirche annehmbar; noch zieht keiner aus der Idee vom Reich des Geistes und der Freiheit grundstürzende Folgerungen. Joachim ist kein Ketzer und die Kirche spricht ihn selig; er ist seiner Zeit ein großes Licht - aber er ist, indem er das mönchische Wesen und den Geist der reinen Kontemplation zur höchsten Höhe aufgipfeln läßt, und trotzdem er in seinem Leben Züge apostolischer Art aufweist, nur der Vorläufer eines neuen Apostolats und einer neuen Heiligkeit: nicht umsonst hat er sein Kloster dem Täufer Johannes geweiht. Da er die Augen schließt, lebt schon, noch unkundig seiner Sendung, der Mann, der keines anderen „ewigen" Evangeliums bedarf, um den Völkern ihre Botschaft des christlichen Heils, der Kirche den Gruß der gläubigen Seelen zu br ngen. Der am Ende des 12. Jahrhunderts auf dem Stuhle Petri sitzt, Innozenz HL, führt die päpstüche Macht zu weltlicher Höhe; staatsmännisch-klug und tatkräftig vollendet er, was ein Größerer vor ihm, Gregor VIL, begonnen hat. Aber die Völker bleiben gerade in diesen Tagen des Glanzes der Herrschgewalt der Kirche unverbunden, wie vordem. Unvermindert sind die Gefahren, die aus ihrer Mitte von Wider- 220