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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 85

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 85)
Language
German
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vollkommenen mönchisch-ritterlichen Gemeinschaft baut: die Gralsritter sind die legendären Brüder der Kreuzritter, die der Kirche wenigstens das Zeugengut des Grabes, die heilige, aber leere Krypta ihres weiten Reliquiendoms gewinnen sollen. Und wenn dieser Dom vollendet wäre und aus seinen tausend Schreinen magische Wunderwirkung sich ergösse: er wäre doch nicht ganz und gar der Ort der Einung für Kirche und Völker. Die heiligen Dinge sprechen immer ihre eigene strenge und geweihte Sprache, nicht aber die der Völker, die von ihnen zuletzt nur wirre Zauberworte vernehmen können. Die Kreuzzüge, Wallfahrten blutigster Gewalttätigkeit, erreichen keines ihrer Ziele für die Dauer; ein Beginn neuer christlicher Aussendung vom Ursprung, vom Osten her, können sie nicht sein. Auch von dem ihre Heerführer überragenden wortmächtigen Prediger Bernhard von Clairvaux geht keine Erneuerung aus; auch er ist ein Mönch, der sich und seine Sache vom Volk trennt und ihm aristokratisch-hohes und mystischfernes Bild bleibt. Mit dem Schild seines Geistes deckt er den schwachen Papst, an seiner Kraft zerbrechen Ketzer: Abälard, der Denker, und Arnold, der Führer; sein Wort tönt zur Kirche hin, nicht zu den Völkern. Sein Tun und seine Heiligkeit bleibt entrückt, hinter Bildwand und Lettner, wie alles, was an noch so ernstem und strengem Werk von den Mönchen von Cluny oder von Citeaux je getan wurde. In staunender Bewunderung, kaum im Innersten ergriffen und höchstens von der Gewalt der Buße erschreckt, heben die Menschen die Augen zu den Einsiedlern, den Weltflüchtigen, den wahren Bürgern des Himmelreichs. Solchem Anachoretentum entwächst noch einmal, inmitten der Kreuzzugsmühen, der politischen Kämpfe, der Ketzergefahren, ein wahrhafter Prediger in der Wüste: jener kalabresische Abt Joachim, den seine Zeit und die Kirche als Propheten ehren. Der seltsame Mann empfängt schon in der Heimat, dem alten Großgriechenland, dann auf weiter Pilgerfahrt, den Geist des griechischen Ostens, christlich gesprochen: den Geist des Johannesevangeliums und der x\pokalypse. Mit seiner Hilfe enthüllt er in neuer und großartiger Auslegung den Sinn der heiligen Schriften; diese Arbeit verbindet sich ihm mit der Zeit und ihrer Not und wird zur Weissagung über das geschichtliche Schicksal von Christentum und Kirche. In vielgestaltigen Bildern wandelt Joachim einen Gedanken ab, wie er ähnlich der Kirche und ihren Denkern seit Augustin vertraut ist. 219

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