Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 84)
- Language
- German
- Belongs to
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geistigen Bereiche der Zeit durchströmend, von Osten her alte, nach Augustin totgeglaubte Irrlehre mit dem Gedanken einer Scheidung der Welten nach Licht und Finsternis eingedrungen ist und der Donatistengeist sich in der Katharerbewegung manichäisch erneut hat, befehden unter mannigfachem Zeichen und Kampfruf die Scharen der Ketzer die bestehende Kirche. Von ihnen werden jene oft wohl ahnungslosen Laien verbände in den Kampf gegen die „Gemeinschaft der Finsternis" mit fortgerissen. Die Kirche ist genötigt, sich mit neuen Gesetzen zu wappnen und gegen ihre Feinde das Eingreifen der weltlichen Gewalt anzurufen. Und nicht sie allein gerät in Gefahr: wie sie selber nicht mehr nur ein geistiges Reich bildet, so sind auch die Bünde ihrer Widersacher nicht bloß um des himmlischen Heils willen erstanden; sie dringen aus dem Freiheitswillen der neuen städtischen Kommunen gegen alle Herrschaft vor und führen die Armen und Unterdrückten gegen die Herren der Erde. So müssen einen Arnold von Brescia Papst und Kaiser gemeinsam niederringen, denn dieser Schüler Abälards, des großen und gefährlich-kühnen Philosophen, greift zugleich den Besitz der Kirche und die weltliche Macht an, wird aus einem Gegner des verweltlichten Klerus zum Volkstribun der römischen Republik. Der Wille der Kirche aber, immer wieder belebt von gregorianischem Mönchsgeist, ist nicht erschlafft: in den Kreuzzügen bindet er die Mächte Europas, die Fürsten und Ritter, zu einer großen Bewegung, der ein weltlicher und ein geistlicher Gedanke die Richtung nach Osten weist. Monarchisch ist die Idee der Ausbreitung der Ökumene gegen den Herrschaftsbereich der islamischen Völker: das alte römische Imperium im ganzen Umkreis des Mittelmeers soll wieder erstehen; mönchisch ist der Versuch christlicher Missionstätigkeit im Osten. In dem Verlangen der Kirche aber nach dem Besitz des heiligen Grabes ihres Stifters, als der höchsten Reliquie, hegt die Absicht vollkommener Ergänzung ihrer mystischen Substanz in der Sichtbarkeit: denn die Reliquie ist das sichtbar weiterwirkende Zeichen der Heiligen, sie ist dingliches Element der erlösten, vom Wunder erfüllten Welt der Kirche. Den Leib Christi besitzt sie als Reliquie nicht und kann den entrückten nicht besitzen; der ersteht verbindend in der Wandlung des Sakraments und ist, als Leib Christi, lebend im Dasein ihrer Gemeinschaft. Das wirkliche Blut als Reliquie kennt nur die Sage, die ihm den Gralstempel einer heilig- 218