Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 82)
- Language
- German
- Belongs to
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nicht Gottes Gesetz alle in Einheit. Aus Priestertum wird Priesterherrschaft und neben die mystische Gemeinschaft im Genuß der Sakramente tritt ein besonderes Recht, das innerhalb des priesterlichen Raums gilt und zugleich Ausdruck seines Imperiums in dieser Welt wird, das Kirchenrecht. Die zwei Schwerter, das geistliche der Kirche und das weltliche des Kaisers, sind über den Völkern geschwungen; sie kämpfen gemeinsam auf Erden, aber auch gegeneinander um diese Erde. Die Angst um das Amt, in der Gregor der Große starb, war sehr berechtigt: kaum neigt sich das erste Jahrtausend des Christentums seinem Ende zu, da ist auch schon seine Kirche, von den Karolingern belehnt, in allen Streit der weltlichen Geschichte verstrickt. Die andere mystische Substanz, durch die die Kirche eigentlich zur erhöhten Gemeinde wird, besteht in der Zahl der Erwählten, in ihren Heiligen. Aus der realen Substanz der Völker sind diese Bürger des Gottesstaates, den nach Augustins Lehre die Kirche endgültig darstellen soll, genommen; in ihnen tritt das christliche Reich Gottes den Reichen der Welt gegenüber; mit ihnen zusammen wartet die Kirche auf die verheißene Parusie, die Wiederkehr ihres Begründers, harrt der „mystische Leib Christi" seiner Verklärung. Auch die getauften Völker harren auf das Kommen des Reichs; anders aber als das Warten der Kirche wird ihre Erwartung: denn zwischen ihrer naturhaften Art und dem geisthaften Wesen der Kirche besteht eine Spannung. Die Völker sind der strengen Geistgemeinschaft nicht gewachsen; ihrer Blutwirklichkeit wird die mystische Substanz der Kirche unfühlbar, dem Auge der Betenden weicht die höchste Gestalt in die Ferne unnahbaren Tronens; magisch wird ihnen das Sakrament, unlesbar die große Hieroglyphe des Crucifixus. In der Gefahrzone der Jahrtausendwende bricht in dem Gedächtnis der Völker die Erinnerung an die Weissagung vom Ende der Zeiten auf; trotzdem der große Kirchenvater das frevelhafte Nachrechnen gebannt hat, trotzdem die Kirche selbst diese Anmaßung der Zeitlichkeit nicht zulassen kann und darf, erhebt der Chiliasmus sein Haupt. Der Pidsschlag der Völker geht nicht synchron mit dem der Kirche; ihr Wunsch eilt im Fieber der Erwartimg und in der Angst vor dem Weltgericht, das schon aus den Augen des strengen Christusbildes in den Apsiden der Dome blitzt. Das von ungeheurer Erregung durchwühlte Erdreich der Seelen ist bereit zur Aufnahme 216