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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 76

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 76)
Language
German
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zügellos geschleudert zwischen Intellektualität und Trieb alle Sitte verfallen sahn. Sonderlich die Barbaren, die ins römische Reich der Kultur aufgenommenen, eingedrungenen, einbegehrenden: nacheinander die Kelten, Germanen und Slawen, deren Wildheit gezähmt war nur durch sittliche Treue, deren geistige Kraft dem Misch-Gift der Zivilisation nicht widerstand, deren Treue so zu Treulosigkeit schwand, daß sie ihrer Selb- Auflösung entgegensahen (man denke an die Scheußlichkeit der Merovingischen Zeit!), - sie fanden Halt in der Kirche, nur weil sie ihnen das Priestertum der Freundschaft darbot; eine Freundes-Bund-Schicht über verwahrlosender allgemeiner Feindseligkeit. Hier konnten die Verrohten zur Beicht niederknien; die sie ihnen abhörten, hatten sich selb so verhört und kraft dieser Demut ihre Überlegenheit gewonnen. Die sie nicht für sich halten, sondern mitteilen wollten. Mit der sie sich nicht überheben wollten, Weshalb, im Abendland, zu dem Worte der Zucht das des Werks trat: die Arbeit mit Spaten und Karst; nicht um für sich selb das Fleisch abzutöten, sondern um der Bauervölker willen, ihnen erbaulich zu sein. Und blieb doch das Buch in den Klöstern in Rechten. Kloster-Christentum ist's, das die jungen Völker ergriff: die irisch-skotischen, britischen, fränkisch-gallischen, deutschen. Mit helfendem Missions-Trieb. Hier fanden diese Menschen stumm-tödlicher Gewalt (von der Sonett 107, 12 mit Schauder spricht) oder des vergewaltigenden Zauber-Befehl-Worts das lösende, betende, festigende Wort des Bekenntnisses, wenngleich zunächst noch nicht untereinander. Aber ins Herz der freundlichen Priester-Bekenner. Zwei Stufen der Freundschaft absetzen sich: der Gleichen, Oberen - der Unteren, zu Vergleichenden. Die sich den Oberen, Ausgeglichenen anheften, nicht nur um unter sich, den Zerklüfteten, sondern auch um mit den Oberen ausgeglichen zu werden. In fürbittender Geduld, ja sich selb an die Roheit nicht verlierend zwar, aber gefällig anbiegend, wahrnimmt Klerus Herrschaft zu aufziehender Freundschaft, andauernde Vaterschaft für reifendes Kind. Er stolzt sich nicht ab als Brahmanen-Kaste; Bettel-Mönche werden die Volk-Mission- Prediger; immer mehr rekrutiert sich der Klerus aus dem niedrigem Volk. ★ * ★ Hat einmal je Freundschaft weltgeschichtliche Aufgabe gelöst und über einen Bruch der Menschheit getragen, so ansagt sie uns Heutigen unsre zu lösende Aufgabe. Aber hat denn Priesterfreundschaft die Auf- 210

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