Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 74)
- Language
- German
- Belongs to
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wie die heutigen Teilkirchen, oder die Gesellschaft der Freunde, Quäker genannt, oder Freimaurer und andere Orden in sich auf Freundschaft, wenigstens ursprünglich, beruht. Weltschuldbekenntnis der Vielstimmigkeit, drin jedes Instrument all seine verborgenen Töne ausgibt, all seine Dissonanzen mit den andern ausklagt, also daß jeder Mensch einzeln sich klagt, jeder seinen Part, unabhängig vom andern, und, welches Instrument tiefere Klagtöne hat, dieses um so mehr als das flachere an Ton - Geige und Cello mehr als Oboe und Horn -: diese Sinfonie, die in Harmonie scheidet, spielt sich nicht denn aus Freundschaft, die priesterlich ist. Priestertum setzt Scheidung der Menschen voraus. Steht gegen Laientum über. Hie Beichtiger, Beichtväter, da Beichtende, Beichtkinder; Kleros - Laos. Allgemeines Priestertum eignet der Gemeine im ganzen; jedem Einzelglied zugeschrieben, hebt es mit Beicht Kirche auf. Aber nichts hat diese Scheidung mit der hochmütigen zu tun, in der sich Geistige gegen Volk absetzen, oder Adel gegen Knechtische, oder Blut gegen Blut, Rasse gegen Rasse, oder Auserwählte gegen Berufene, Berufene gegen Verdammte, oder sonstwie Primagegen Sekunda-Menschen. Deren Scheidung geht von den Oberen aus. Sie ist kriegerisch, feindlich. Weswegen sie auf den Staat herauskommt, auf unterordnenden Befehl. Auch wenn sie, wie in Piatons Politie, sich so philosophisch aufzieht, daß nicht die Krieger, sondern die Philosophen die Könige des Staats, ja, wie in des Pythagoras9 Männer-Treu-Bund, religiös sich aufzieht, wird ihr Staat Kirchenstaat nur, gladius spiritualis, der den gladius materialis regiert. Nicht anders im brahmanischen kastenstaatlichen Indien. Aber wie dürften, die der Freundschaft Gnade geschmeckt, der Herrschaft sich anmaßen? wie zerschellt ihre Gerechtigkeit an der Unfreundlichkeit! Umgekehrt: von unten her muß Priestertum verlangt werden und Freundlichkeit muß es sein, die es gewährt. Dessen haben wir in der Geschichte der christlichen Kirche einen Vorgang. Die antike Gesellschaft brach mit ihrem Glauben zusammen. Das Gesetz der Sterne, der Götter, der Landesgewohnheiten fiel hin. Religionen noch Philosophien nicht wußten zu halten. In Sintflut der Mischung der Meinungen ertrank was als feste Regel die Menschen geführt. Junge Völker einbrachen in den zersetzenden Sud; ihre einfältigen Treu-Begriffe zerbrachen im Nu. Auch das Christentum, als neue Philosophie, brachte nicht Boden unter die Füße; seine Dogmatik brachte wohl jen- 208