Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 68)
- Language
- German
- Belongs to
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verwurzelte Worte, Leih-Wörter der Kultur, trotz Glanz und Edelrost, die Grenze ihrer Berechtigung finden. Diese Falsch-Schau ist blind für den vollen Tatbestand, dessen ihr Entgehendes sie sucht als Eros zu begreifen. So zieht sie den Weg zum Staat viel zu kurz; anfängt nicht am Anfang, endet nicht am Ende: nicht an Zweier Freundschaft, sondern an vielköpfigen Bünden, nicht am Gottes-Welt-Reich, sondern am völkischen Staat. Selb zu ihm hin behauptet sie nur, sie sei der Weg, führt ihn aber nicht; zeigt nicht, wie vom Männerbund, seiner Führer- und Gefolgschaft, es geht in die Gemeinschaft mit den anderen Volk-Baugruppen, insbesondere der mann-weiblichen Zellgruppe der Familie. Noch überhaupt, wie über Corps-Geist und Mann-Zucht es weiter geht in Volk- und Staat - heit, die doch wesentlich andersartige Gesinnung-Gemeinschaft. Es wäre nicht schlimm, wenn hier geheimnisvoll zusammenlebiges Gebild verschiedenster Ursprünge und Flächen vereinfältigt würde: aus einer Komponente erklärt, wie denn diese Erotik ihren Eros zuweilen erklärt als subliniierten Geschlecht-Trieb, Inbrunst der Brunst. Solche Plattheit würde niemanden hinreißen. Aber diese Gesellschaft-Lehre, die zur Entscheidung aufruft, zum Neubau des Staats, und nicht ins Leere aufruft, sondern persönliche Führerschaft und Gefolgschaft entbietet, verführt dadurch Volk, daß sie ihre Plattheit mit Tiefblick durchbricht, der die Hinter-, Unter- und Übergründe nicht flächt, aber verzerrt; durch Schielen durchkreuzt sie auch ihr Tiefen-Einschätz-Vermögen. Alles, was sie über ihre Natur-Erkenntnis aufbaut, sind schielende Worte, um so schlimmer berückend, als sie Heiliges schiefen: all die geist-halbvollen Worte vom Sinn der Sexualität, vom Helden, Adel und Bund, von den Königen und dem bürgerlichen Typus, von der Wandlung der Welt und dem Führer-Beruf. Um dieses unerhörten Wortes „Führer-Beruf" willen - das in tausenden junger Freundschaft-bedürftiger Herzen gezündet hat, die sich nun den Wortführern uneigen hinterherwerfen: in lodernde Unklarheit, die ihr Bestes verzehrt, ihr Wahres verfälschend - sei gewarnt hier vor der Anmaßung zur Führerschaft, vor der Begeisterung zu Gefolgschaft, und festgestellt, daß den Menschen unsrer Menschlichkeit Führerschaft fernliegt. Wäre Shakespeare, wenn einer, nicht berufen gewesen zum Führer über den jüngeren Freund? Aber nie sieht er Freundschaft als Nachzug, immer als Ring, demütigen Glück-Danks, nicht hochmütigen Glück-Bringens. Bei allem Hochgefühl, daß er zu Unsterblichkeit 202