Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 64)
- Language
- German
- Belongs to
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Wer die Schönheit der Erscheinungen erkannte, der erkannte den Traum des Hyperboreers: mit Wonne wiegt er im Herzen die Stille und die Fülle und ruft die Himmelsbläue und die Leere. Das ist richtig: „er ruft die Himmelsbläue und die Leere". Er wird das Halten der Vorlesungen sofort einstellen und in der gelehrten Gesellschaft, deren Mitglied er war, bestimmt keinen einzigen Vortrag mehr halten, er wird sich sogar nie mehr dort zeigen. Ich rede nicht einmal davon, daß der „Feuertod im Geiste" eine ebenso große Seltenheit ist, wie die Verwandlung der Buhlerinnen in Heilige. Wieso diskutiere ich denn nicht? Sie sehen ja, ich diskutiere und disputiere. Doch diese Ihre Verse sind mir sehr nach der Seele. Es scheint, daß auch Sie einst meine Sehnsucht und meinen Durst kannten, sich aber später beruhigten und Ihre Sehnsucht mit Sophismen von einer endlichen Verklärung der Kultur und einer allaugenblicklichen Möglichkeit der persönlichen Rettung durch den Feuertod beschwichtigten. So wie Sie jetzt die gesamte Geschichte fromm akzeptieren, habe ich mit Ihnen in der Tat keinen gemeinsamen Kultus. Oder doch: es besteht etwas Gemeinsames; das bezeugt unsre Freundschaft im Verlauf so vieler Jahre. Ich lebe sonderbar, ein doppeltes Leben. Von Kindheit an der europäischen Kultur teilhaftig, habe ich ihren Geist tief in mich gesogen und mich mit ihr nicht nur völlig vertraut gemacht, sondern liebe auch aufrichtig vieles in ihr: ich liebe ihre Sauberkeit und Bequemlichkeit, ich liebe die Wissenschaft, die Kunst und die Poesie, ich liebe Puschkin. Ich bewege mich in der Kulturfamilie als ihr Angehöriger, unterhalte mich lebhaft mit den Freunden und den mir Begegnenden über kulturelle Themata und interessiere mich auch wirklich für diese Themata und die Methoden ihrer Bearbeitung. Hier bin ich mit Ihnen; wir haben einen gemeinsamen Kultus des gemeinsamen Dienens auf dem kulturellen Marktplatz, gemeinsame Gepflogenheiten und eine gemeinsame Sprache. So ist mein Leben über Tag. Aber in der Tiefe des Bewußtseins lebe ich anders. Schon viele Jahre tönt mir von dort beharrlich und unaufhörlich eine geheime Stimme: nein, nein, es ist nicht das Richtige! Ein anderer Wille in mir wendet sich kummervoll ab von der Kultur, von allem, was ringsherum getan und gesprochen wird. Das alles langweilt ihn und ist ihm nicht nötig, wie ein Kampf von Gespenstern, die 198