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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 63

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 63)
Language
German
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12. An Iwanow Sie ärgern sich: ein schlechtes Zeichen. Im Unwillen über meine Taubheit stellen Sie mich in die Reihe der „Naturmenschen"*, die „der \ erwandtschaft nicht eingedenk sindw% der feigen Flüchtlinge usw., schimpfen mich sogar einen „Intelligenten"* (sich aber, Sie Schlauberger, haben Sie ausgeschmückt: ein Sohn der russischen Erde, und noch dazu ein Schüler Ö von Sais!). Am meisten ärgert Sie, daß ich eigensinnig mein ,,Sie volo" wiederhole und mich weigere zu diskutieren. Aber das stimmt nicht: ich diskutiere die ganze Zeit mit Ihnen um die Wette. So behaupten Sie, zum Beispiel., in Ihrem Brief zwei Dinge: erstens daß die Kultur selbst in ihrer weiteren Entwicklung zu den Ursprüngen des Lebens führen wird; man muß nur eifrig vorwärts schreiten,- am Ende des Vi eges wird dann, so sagen Sie, das ersehnte Licht aufleuchten, „kühle Quellen werden sich zwischen den alten Steinplatten auftun und Rosensträucher aus grauen Gräbern sprießen", d. h. die zurzeit ausschweifende Kultur wird gerade in ihrer weiteren Ausschw eifung die ursprüngliche Keuschheit wiedererlangen. Darauf antworte ich: ich glaube es nicht und sehe auch keinen (/rund, so zu denken; nur ein Wunder verwandelt die Buhlerin in die heilige Maria Magdalena. So denken Sie sich den einen Weg: die elementare Evolution der Kultur. Mit dieser IhrerVoraussage reimt sich Ihre andere These schlecht zusammen : daß jeder Mensch die Kultur durch einen Feuertod im Geiste überwinden soll. Eines von beiden: wenn uns die Kultur selbst in ihrer Entwicklung unverwandt zu Gott führt, dann brauche ich mich, als Einzelner, nicht zu beunruhigen; ich kann meine Arbeit von gestern mit Ruhe fortsetzen, Vorlesungen halten über die ökonomische Entwicklung Englands im Mittelalter, eine Eisenbahn vonTaschkent nach der Krim bauen, ein weittragendes Geschütz konstruieren und die Technik der erstickenden Gase vervollkommnen; ich bin sogar verpflichtet das zu tun, damit die Kultur auf der ausgetretenen Bahn schnell vorwärts schreite-damit ihre ersehnte Vollendung beschleunigt werde. In einem solchen Fall ist aber der Feuertod der Persönlichkeit nicht nur nicht nötig: er ist schädlich, weil die verbrannte und die auferstandene Persönlichkeit eben dadurch aus dem Bestände der Kulturarbeiter heraustritt. Ich will Sie an Ihre eigenen Verse erinnern: Wer die Sehnsucht der irdischen Erscheinunoren erkannte, o ' 7 der erkannte die Schönheit der Erscheinungen . . . D 197

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