Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 65)
- Language
- German
- Belongs to
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im leeren Raum umherjagen; er kennt eine andere Welt, ahnt ein anderes Leben, die es auf Erden noch nicht gibt, die aber erstehen werden und erstehen müssen, weil sich nur in ihnen die wahre Realität verwirklichen wird; und dieser Stimme bin ich mir als der Stimme meines wahren Ich bewußt. Ich lebe, wie ein Fremdländer, der in einem fremden Lande einheimisch wurde; ich werde geliebt von den Einheimischen und liebe sie selbst, arbeite eifrig für ihr Wohl, empfinde ihren Schmerz und freue mich an ihrer Freude; aber ich weiß, daß ich fremd bin, und sehne mich in geheimer Trauer nach den Feldern meiner Heimat, nach ihrem anderen Frühling, nach dem Geruch ihrer Blumen und nach der Sprache ihrer Frauen. Wo ist meine Heimat? Ich werde sie nicht sehen und in der Fremde sterben. In gewissen Augenblicken sehne ich mich so leidenschaftlich nach ihr! Dann brauche ich keine Eisenbahnen und keine internationale Politik; der Zwist der Systeme und die Kontroversen der Freunde über den transzendenten und immanenten Gott erscheinen mir leer, leer und dem Schauen hinderlich, wie der auf der Straße aufgewirbelte Staub. Aber wie jener Ankömmling in der Fremde in der Färbung des Sonnenuntergangs oder in dem Geruch der Blume seine Heimat mit Rührung erkennt, so fühle ich schon hier die Schönheit und die Kühle der verheißenen Welt. Ich fühle sie auf den Feldern und im Walde, im Gesang der Vögel und im Landmann, der hinter dem Ptluge geht, in den Augen der Kinder und manchmal in ihren Worten, im göttlich-gütigen o ~ j-< Lächeln, in der Liebkosung, die der Mensch dem Menschen erweist, in der aufrichtigen und nichtkäuflichen Schlichtheit, in manchem feurigen Wort und unerwarteten Vers, der die Dunkelheit w ie ein Blitz durchschneidet, und noch in vielem, vielem anderen - besonders im Leiden. Das alles wird auch dort sein, das alles sind Blumen meiner Heimat, die hier von einer ungestüm wachsenden, rauhen, duftlosen Vegetation erstickt werden. Sie, mein Freund, sind im heimatlichen Land; Ihr Herz ist hier, wo Ihr Haus, Ihr Himmel ist, - auf dieser Erde. Ihr Geist ist nicht gespalten, und diese Ganzheit bezaubert mich, weil sie selbst, welches ihr Ursprung auch sein mag, ebenfalls eine Blume jenes Landes ist, unsrer gemeinsamen zukünftigen Heimat. Und darum denke ich, daß im Hause des Vaters für uns beide eine Wohnung bereitet ist, obwohl wir hier auf Erden eigensinnig jeder in seinem Winkel sitzen und über die Kultur streiten. 19. Juli. M. G. 199