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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 58

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 58)
Language
German
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reichern. Aber wer weiß? Wenn es sie mit Händen greift und genauer betrachtet, wird es vielleicht gewahr werden, daß sie nichts enthalten außer Ketten und Kehricht, sie ärgerlich fortwerfen und anfangen, andere, neue Werte zu erschaffen. Aber auch so kann es kommen: es wird sie mit vollem Glauben seinen Schultern aufladen und weiter tragen, die „Kontinuität der Kultur" gewissenhaft annehmen, aber die alten Werte bei ihrer Benutzung unbewußt mit einem neuen Geist durchtränken; und im Verlauf einer kurzen Zeit werden sie sich molekular so verwandeln, daß man sie nicht wird erkennen können. Es ist möglich (und so denke ich in der Tat) daß selbst wenn das Proletariat j etzt um den Besitz der Kulturwerte kämpft, es in gutem Glauben irrt: es ist der Meinung, daß sie ihm an sich notwendig sind, w ährend es sie in Wahrheit nur als Mittel zu anderen Zwecken braucht. Solcher Art ist der gewöhnliche Selbstbetrug unseres Willens. Der Mensch baut ein Luftschiff, indem er nur an dessen technische Nützlichkeit denkt: ich werde geschwind von Neuyork nach Chicago fliegen und Börsennachrichten hinübersenden; und er weiß nicht, daß der Geist ihn dazu treibt, gar nicht für seine irdischen Ziele Flügel zu konstruieren, sondern um sich von der Erde loszureißen und sich über sie zu erheben; er w eiß nicht, daß der Traum und der Glaube an einen Aufstieg in andere Welten in ihm im geheimen schon reif woirde und daß das Flugschiff nur ein schw acher Anfang der Verwirklichung dieses Traumes ist, der in ihm schon erstarkte und sich befestigte: es kommt die Zeit, da ich für immer emporfliegen und im Äther spurlos versinken werde! So schlug der Mensch einst den ersten Funken aus dem Feuerstein, als er sich der störenden Dunkelheit und seiner Macht, sie zu besiegen, bewußt wurde, und so verwandeln wir die Nacht in den Tag, indem wir das Licht einschalten. Die bewußte Absicht enthüllt nicht das wahre Ziel; der Geist setzt das Ziel in sich und teilt dem Bewußtsein nur die Richtung des ersten Schrittes mit, dann die des zweiten uswT. Die Richtung des ganzen Weges ist nur dem Geist bekannt; darum sieht sich das Bewußtsein nach jedem Schritt betrogen. Wundt nennt diese Erscheinung die Heterogonie der Zwecke: das von dem Bewußtsein gesetzte Ziel verschiebt sich auf dem \\ ege der Verwirklichung und wird von einem anderen ersetzt, das ihm völlig fremdartig ist. Und das wiederholt sich Glied für Glied. Die angedeutete kurze Linie erweist sich in Wahrheit als krumm: es ist der Geist, der die Schritte des Gehenden gebieterisch und unmerklich 192

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