Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 59)
- Language
- German
- Belongs to
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ablenkt - hin zu seinem dem Verstände unbekannten Traum. Was wir jetzt in der Revolution sehen, sagt nichts von der in die ferne Zukunft gehenden Berechnung und Absicht, mit der der Geist sie ins Leben rief. M. (;. 11. An Gerschenson Haben wir uns, mein teurer Freund, nicht zur Geniige kompromittiert? Jeder auf seine Art: ich durch meinen Mystizismus, Sie durch einen anarchischen Utopismus und Kulturnihilismus; denn so hätte die ,,kompakte Mehrheit44 (ein Wörtchen Ibsens) der zeitgenössischen \ ersammlungen und Meetings beides gedeutet und verurteilt. Sollte nicht jeder von uns in seinen Winkel gehen und auf seinem Lager verstummen? ,,Kann man ins Herz durch W orte sehn? Kann dich ein anderer \ erstehn? Verstehn, wie sich dein Leben fügt? Das ausgesprochene Denken lügt." (Aus Tjutschews Gedicht Silentium", übertragen von S. v. BubnofF. D.Ü.) Ich liebe es nicht, dieses schwermütige Bekenntnis Tjutschews zu mißbrauchen; ich möchte glauben, daß sieh darin nicht die ewige Wahrheit, sondern die fundamentale Lüge unsrer zergliederten c? 7 ~ ~ und zerstreuten Kulturepoche ausprägte, die außerstande ist, ein gemeinschaftliches Bewußtsein zu erzeugen, einer Epoche, welche die vorletzten Schlüsse der uralten Sünde der „Individuation" verwirklicht, durch die das ganze historische Leben der Menschheit, die ganze Kultur vergiftet ist. Täglich und stündlich bemühen wir uns, dieses sterbliche Prinzip durch ein ununterbrochenes Schaffen großer und kleiner Kulte zu überwinden: jeder Kultus ist universal, solange er lebendig ist, auch wenn er nur drei oder zwei Diener vereinigt; die Universalität tlammt für einen Moment auf, um dann wieder zu erlöschen, und die vielköpfige Hvdra der von innerem Zwiespalt zerrissenen Kultur kann sich nicht in einen harmonischen Kultus verwandeln. Aber der Durst nach Kinigkeit darf uns dennoch nicht zu Nachgiebigkeit und Kompromiß verführen, d. h. zu dem äußerlichen Statuieren eines scheinbaren und imaginären Bandes dort, wo selbst die Wurzeln des Bewußtseins und - wenn man so sagen darf - die Blutgefäße der geistigen Wesen sich nicht zu einem Netz verflochten haben. In der tiefsten, uns unerreichbaren Tiefe sind wir alle ein System des universalen Blutkreislaufes, der das eine allmenschliche Herz ernährt. Aber man soll dem Gefühl nicht zuvorkommen, das uns 193