Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 57)
- Language
- German
- Belongs to
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pher: es herrscht eine solche Hitze in diesen Tagen - nirgends kann man Kühlung finden; ich trinke und trinke das warme gekochte Wasser, habe schon die ganze Flasche ausgetrunken und immer noch nicht den Durst gelöscht. Vermutlich ist mir auch darum das über den Durst Gesagte aus der Feder geflossen. Es fiel mir ein, wie ich vor vielen Jahren an einem ebenso heißen Tage mit Hilfe eines Suppenlöffels aus einer beschatteten Waldquelle bei Kunzowo trank. Dort herrschte Kühlung, und es war süß, das kalte reine Wasser zu trinken. Mag ich auch dem Willen des Schicksals und dem Gebote der Kultur gemäß in der Stadt wohnen und in einem Erholungsheim sitzen, in einem stickigen Zimmer, dessen Fenster einer Mauer zugewandt sind, ekelhaftes gekochtes Wasser trinken und zahllose Fliegen fortjagen - kann ich denn vergessen, daß es älder und Kühlung gibt, kann ich mich nicht nach ihnen sehnen? Und eines noch, nicht das letzte: Möchte unser schweres Schicksal unsre Kinder doch verschonen und sich niemals w iederholen! Die Logik des abstrakten Denkens wirkt nicht auf mein Gefühl; aber ebensowenig ist die abergläubische Ehrfurcht vor der Logik der Geschichte fähig, es zu bezwingen. Sie raachen gegen mich nicht nur die Gesetzmäßigkeit des Vergangenen, sondern auch seine Fortsetzung - die Ereignisse der Gegenwart - als letztes und entscheidendes Argument geltend. Sie laden mich ein, die sich jetzt bei uns vollziehende Revolution mit offenem Blick zu betrachten; ihre Losung ist nicht die Abschaffung der Werte der früheren Kultur: sie will diese Werte gerade zum Besitz aller machen; das ist keine Empörung gegen die Kultur, sondern ein Kampf um die Kultur, und „das Proletariat steht völlig auf dem Boden der kulturellen Kontinuität64. So ist es, aber was folgt daraus? Wir beobachten nur, wie das Proletariat die angesammelten Werte den Händen weniger entreißt und in seine Hände nimmt. Aber wir wissen weder, was es in diesen Werten sieht, noch wozu es von ihnen Besitz ergreift. Vielleicht sieht es in ihnen nur das Werkzeug seiner jahrhundertelangen Versklavung und es kommt ihm nicht darauf an, sie zu besitzen, sondern nur darauf, sie den Händen des Bedrückers zu entreißen. Vielleicht auch hat es in den langen Jahren des Aufklärertums der Großrednerei der Kultur Glauben geschenkt und meint, sich mit ihren Werten zu be- 191