Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 56)
- Language
- German
- Belongs to
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behindern, und diese Art stirbt aus. Ist es nicht ebenso mit der Kultur? Sind unsere „Werte46 nicht solche Hörner: zunächst persönliche Anpassung, dann allgemeiner Besitz der Gattung und schließlich eine in der Gattung übermäßig wuchernde, qualvolle, für die Persönlichkeit verderbliche Last und Hemmung? Ja, Sie haben recht: Ihre Logik ist für mich kein Gesetz. Die geschichtliche Wahrheit ist in keinem ihrer Punkte geheiligt; es ist eine im Erschaffen begriffene Wahrheit, die von jeder einzelnen Persönlichkeit geprüft und erprobt wird. Meine Persönlichkeit prüfte sie durch ein vollwertiges Gefühl und sagte ihr: du bist eine Lüge, ich kann dich nicht anbeten. Ich sage dem Perun (altslawischer Gott des Donners,d.U.): du bist ein hölzerner Götze, kein Gott; ich fühle Gott als unsichtbar und allgegenwärtig; Sie aber bemühen sich, mich zu überzeugen, daß dieses Götzenbild das Symbol eben meiner Gottheit ist und daß es mir, sobald ich sein Zeichen begreife, Gott völlig ersetzen wird. Und obwohl Sie mir seine symbolische Natur in sehr interessanter und tiefsinniger Weise enthüllen - ich bin bereit, Ihnen endlos zuzuhören, Sie haben mich fast überzeugt - so ist doch sein Anblick so fürchterlich und meinem Gefühl so zuwider, daß ich mich nicht beherrschen kann. Ich erinnere mich an alle Opfer, die wir ihm darbrachten, und denke an die, welche ich ihm nach der Weisung der Priester Tag aus Tag ein noch werde darbringen müssen - schwere, blutige Opfer! Nein, nein! Das ist kein Gott! Mein unsichtbarer Gott fordert nicht, schreckt nicht, kreuzigt nicht. Er ist mein Leben, meine Bewegung, meine Freiheit, mein wahres Wollen. Das hatte ich im Sinn, als ich Ihnen sagte, daß sich mein Durst von den warmen und würzigen Getränken der zeitgenössischen Philosophie, Kunst und Poesie abwendet, daß nur das kalte Quellwasser ihn löschen kann. In unserem Leben aber gibt es kein lebendiges Wasser mehr; alle Quellen sind in Reservoire eingeschlossen, ihr W asser ist in kilometerlange Röhren geleitet und wird dann noch in Destillatoren sterilisiert; schließlich wird dieses kraftlose Naß einer städtischen Verarbeitung unterzogen: wir trinken entweder gekochtes Wasser oder komplizierte Getränke, die alle möglichen Geschmäcke, Farben und Gerüche haben. Inmitten dieser prächtigen Behälter einer dichten und warmen Philosophie, einer heißen und aromatischen Poesie kann man vor Durst sterben, ohne einen Schluck kalten Wassers zu finden. Verzeihen Sie die in die Länge gezogene Meta- 190