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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 55

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 55)
Language
German
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- er war mir nicht nach der Seele; und jetzt erkenne ich sein „Pathos", wie Sie sich ausdrücken, nicht als identisch mit meinem Pathos, sondern als diesem entgegengesetzt. Er, der selbst krank war. hielt es für möglich, eine Prognose der Krankheit der Kultur zu stellen und auf Grund dieser Prognose dem Kommenden Gesetze zu geben. Aus dem Kulturmenschen soll ein Löwe geboren werden, später wird aus dem Löwen ein Kind geboren werden; werdet also schneller Löwen, erkühnt euch, reißt alles in Fetzen. Nach dem furchtbaren Krieg 1911-1918 dürfte es aber schwierig sein, von dem Geborenwerden von Leiwen zu reden. Es ist wahr: dieser Krieg zeigte, daß im Kulturmenschen, im gebildeten Menschen unsrer Zeit ein blutgieriges Raubtier herangereift ist, aber keineswegs ein Löwe, und darum habe ich wenig Hoffnung, daß aus ihm jemals ein Kind hervorgehen wird. Nein, uns ziemt es nicht, für die Zukunft Gesetze zu schreiben. Es genügt, wenn wir uns unsres C* C* Gebrechens bewußt werden und nach Heilung hungern: das ist schon der c1 TT1 Anfang einer möglichen Gesundung. Nietzsche ist stark nur in den Schmerzensschreien und in den Schilderungen der Kulturkrankheit, die die Menschheit entkräftet. Mir scheint, durch alle Ihre Ausführungen geht eine Grundnote hin- 7 c* durch: die kindliche Ehrfurcht vor der Geschichte. Ihnen widerstrebt, sie zu verurteilen; andächtig nehmen Sie alles an, was von ihr geschaffen wurde, und Sie sind entsetzt über meine freche Empörung w ider sie. Aber in einem Ihrer früheren Briefe sprachen Sie mit Überzeugung von dem vorzeitlichen Sündenfall des Menschen, worunter Sie offenbar die Sünde der Abtrünnigkeit und des Zerfalls in geschlossene, sieh selbst bejahende Individualitäten verstanden. Sie anerkennen folglich, daß der Wille des Menschen in gewissem Maße frei ist, sein Sein so oder anders zu bestimmen. Warum kränkt Sie denn meine Behauptung, daß die zeitgenössische Kultur das Resultat eines Fehlers ist, daß der Mensch unsrer Welt einen falschen Weg einschlug und sich in eine Wildnis verirrte, aus der es keinen Ausweg gibt? Gewiß, die Geschichte ist in ihrem ganzen Verlauf vernünftig, d. h. alles, was sich in ihr ereignete, ereignete sich mit zureichendem Grund; aber eine Erklärung ist noch keine Bewertung. Die 7 er r? Hörner haben sich bei dem Hirsch gesetzmäßig entwickelt, als Mittel der Einschüchterung und der Verteidigung; aber bei gewissen Arten haben sie eine solche Dimension erlangt, daß sie das Laufen in den Wäldern 189

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