Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 52)
- Language
- German
- Belongs to
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verkündet: „hoc volo" - so ist mein Wille, so ist mein Durst; und „ut sentio sitioque, ita sapio". Es bleiben die Quellen des Willens und die Natur des Durstes zu erforschen. Aber eine solche Betrachtung wäre ungenügend, wenn der Ort des zu erforschenden Willens als wesentliche Erscheinung im Zusammenhang der von uns erlebten allgemeinen Verschiebung nicht gekennzeichnet wäre. Was ereignet sich denn in unsren Tagen? Die Abschaffung der Kulturwerte überhaupt? Oder ihr Zerfall, der von ihrer gänzlichen oder teilweisen Erstorbenheit zeugt? Oder endlich die Umwertung früherer Werte? Wie dem auch sei, die Werte des gestrigen Tages sind tief erschüttert, und Sie sind wohl einer von denen, die sich über das Erdbeben freuen; denn Sie sind der Ansicht, daß, wenn das alte Ägypten zerstört wird, das Bild der Vollkommenheit, das einst über der Wiege aller seiner Erzeugnisse leuchtete, in den inneren Gewölben und unter den vom Winde umwehten Massen der Pyramiden für ewige Zeiten begraben bleibt. Die Geschichte wird geschaffen, aber, so scheint es, nicht unter Ihrem Zeichen, und sie will eigensinnig Geschichte bleiben, eine neue Seite in den Chroniken des kulturellen Ägyptens. Wir wollen das Zufällige, Unvorhersehbare, Irrationale in dem Gang der Ereignisse nicht in Rechnung stellen. Blicken wir auf den Zustand der Geister. Die anarchischen Strömungen sind nicht die herrschenden; sie scheinen ihrem Wesen nach ein Korrelat und ein Schatten der bourgeoisen Ordnung zu sein. Was sich Proletarier nennt, steht völlig auf dem Boden der kulturellen Kontinuität. Es wird nicht um die Abschaffung der Werte der früheren Kultur gekämpft, sondern um die den Geistern als oberste Aufgabe vorschwebende Belebung alles dessen in den Werten, was eine objektive und außerzeitliche Bedeutung hat - in der nächsten Zeit aber für ihre Umwertung. Der Löwe, der nicht aus dem Kamel entstand, sondern aus der Tiefe heraustrat und sich auf die bestätigten Werte stürzte, ist nicht bloß ein Raubtier, wie ihn Nietzsche im Geiste sah, sondern ein Löwen-Mensch, dem „nichts Menschliches fremd ist". Und nun zertrümmert er, in Ubereinstimmung mit dem von Nietzsche gegebenen Urbild, die alten Tafeln und versucht auf den neuen, ungue leonis, ein neues Statut einzukratzen. Ich glaube, daß er dabei nicht wenig Marmorplatten und ewige Bronze verderben wird; ich glaube aber auch, daß eine gewisse einzige und tiefe Spur der Löwenklaue auf den Denkmälern unseres alten Ägyptens in alle Ewigkeit nicht ausgelöscht werden wird. 186