Mannheim
Compact Memory

Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 46)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/2823768-2823781-2823784--0186-2824255
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Das arme Herz liebt noch, wie eine Mutter, im Tyrannen das von ihm Geborene, weint aber auch, indem es sich seinem unpersönlichen Willen fügt. Und es kommt die Stunde, da die Liebe über die Ergebenheit siegt: die Mutter stürzt den Tyrannen, um in ihm wieder den Sohn zu umfangen. Luther kommt mit heißem Herzen und zerstört den Kultus, die Theologie, die papistische Kirche, um den schlichten persönlichen Glauben aus dem komplizierten System zu befreien. Die französische Revolution zerstreut die Mystik des Thrones und bringt den einzelnen Menschen in eine direktere und nähere Gemeinschaft zur Obrigkeit. Gegenwärtig erschüttert ein neuer Aufruhr die Erde: aus jahrhundertelangen Verwicklungen, aus einer ungeheuerlichen Verbindung sozialer und abstrakter Ideen drängt die persönliche Wahrheit von Arbeit und Besitz in die Freiheit hinaus. Der Menschheit steht noch ein langer Weg bevor. Luthers Christentum, Republik und Sozialismus sind nur eine Hälfte des Werks: es tut not, daß das Persönliche wieder bis zum Ende persönlich werde, so wie es geboren wurde. Aber auch das Vergangene ist nicht vergebens gewesen. Der Mensch wird verklärt zu seinem Anfang zurückkehren, weil seine Subjektivität sich, nachdem sie zum allgemeinen und objektiven Wert wurde, dort in der Höhe im Laufe langer Jahre in ihrer ewigen Wahrheit entfaltete. Hier scheint sich eine umgekehrte Phylogenie zu vollziehen: die Bewegung kehrt, nachdem sie den Gipfel erreichte, auf demselben Wege, Etappe auf Etappe, so wie sie aufgestiegen war, zurück. Darum ist jede Revolution eine Wiedergeburt des Alten: die Monarchie wird wieder von der einen Volksversammlung abgelöst, vom Parlament, der Parlamentarismus wird den Platz einer noch früheren Form, dem Föderalismus, abtreten, und so immer weiter zurück zum Ausgangspunkt. Aber die alten Formen sind jetzt von einem anderen Geist beseelt. Im Aufstieg war die Gemeinde arm, chaotisch und geschlossen; im Abstieg ist sie harmonisch organisiert und von allgemein völkischem Sinn erfüllt. Der Ausgangspunkt aber, zu dem alles zurückkehren muß, ist die Persönlichkeit. Sie wird die erworbene Fülle in sich aufnehmen. Jahrhunderte werden vergehen, der Glaube wird wieder schlicht und persönlich werden, die Arbeit ein frohes persönliches Schaffen, das Eigentum eine intime Gemeinschaft mit der Sache. Aber Glaube, Arbeit und Eigentum werden in der Persönlichkeit unabänderlich und heilig und nach außen unermeß- 180

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.