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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 45

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 45)
Language
German
Belongs to
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IRI
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Wert-Vainpyre, sogenannte abstrakte Werte, eine Art juristischer Personen im Reiche der Werte. Sie sind körperlos und unsichtbar; sie werden gebildet aus Abstraktionen von konkreten Werten, weil in der geistigen Sphäre das Gesetz der Kohäsion ebenso wirksam ist wie in der physischen Welt, in der sich die Ausdünstungen der irdischen Wasserbehälter zu Wolken verdichten. Aus vielen „Hamlets" und ,,Sixtinischen Madonnen** ist auf dem Wege der Abstraktion ein allgemeiner Wert entstanden - die Kunst; und so sind sie alle geboren: das Eigentum und die Moral, die Kirche und die Religion, die Nationalität, die Kultur und viele, viele andere - sie alle gingen hervor aus den Emanationen des besten Blutes der heißesten menschlichen Herzen. Und jeder von ihnen hat seinen Kultus, seine Priester und seine Gläubigen. Die Priester reden überzeugend zur Menge von den „Interessen" und „Bedürfnissen** des vergötterten Wertes und fordern Opfer um seines Blühens willen. Der Staat dürstet nach Macht, die Nationalität nach Einheit, die Industrie nach Entwicklung usw.; so gebieten sie realiter der Welt, obwohl sie selbst Gespenster sind, und je abstrakter ein Wert ist, um so gefräßiger und schonungsloser ist er. Vielleicht ist der letzte Krieg nur eine noch nie gesehene Hekatombe, die einige intelligible Werte, die miteinander einen Bund schlössen, durch ihre Priester gemeinsam von Europa forderten. Aber in jedem abstrakten Werte blinkt in rührender Weise, wie sein unersättlicher Bauch sich auch blähen mag, der Funke der Gottheit. Ohne es selbst zu wissen, verehrt der einzelne Mensch in ihm die Heiligkeit eines persönlichen und unausrottbaren Hanges, der ihm mit allen Menschen gemeinsam ist; nur durch dieses lebendige Gefühl ist der Wert stark. Ob ich nun esse, um meinen Hunger zu stillen, oder meine Blöße bedecke, oder zu Gott bete, — mein Werk ist nur meines, so einfach und persönlich. Und nun ist mein Persönliches zur Sozialität, zur Unpersönlichkeit erhoben und von da aus noch höher: zum Empvreum der überpersönlichen Prinzipien; und - siehe da - es zeigt sich, daß das einsame Gefühl in die komplizierteste hierarchisch-zentralisierte Ordnung eingeschlossen ist, daß das schlichte Gebet von der unübersehbaren Masse der Theologie, der Religion, der Kirche rund herum bewachsen ist. Was in mir Bedürfnis des Herzens war, ist zu meiner geheiligten Pflicht erklärt, als ein Geliebtes aus meinen Händen genommen und - über mir als ein Gesalbter des Herrn hingestellt. 179

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