Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 43)
- Language
- German
- Belongs to
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mittelt ihnen, indem sie solche in ihnen erneuert, die Kraft neuer Anfänge, neuer Ansätze." Oh, wenn dem doch so wäre! Aber so war es einst - und hörte auf zu sein. Es wurde so, daß die auf die Väter herabgekommenen Offenbarungen der Wahrheit sich in Mumien, in Fetische verw andelten und nun nicht mehr in die Seele eindringen, wie eine segensreieh-zerstörende und fruchtbare Geschützladung, sondern sie von oben mit den Granitblöcken und dem Steinschutt zerfallener Ideen verschütten. Die objektive Wahrheit ist - und ist auch wieder nicht; sie existiert realiter nur als Weg, als Richtung, aber sie ist nicht vorhanden als vollendete Gegebenheit, die man sich nach Goethes von Ihnen angeführtem Wort aneignen kann und soll. Wäre es richtig, daß ,,das Wahre längst gefunden ist", dann lohnte es natürlich nicht zu leben. In den „Weihen" der Väter ist nicht ihr Inhalt wertvoll, weil der Inhalt jeder vom Menschen erkannten Wahrheit bedingt und insoweit falsch und vergänglich ist: wertvoll ist nur ihre Methodologie, wenn ein solches Wort hier am Platze ist. Sie müssen am besten wissen, daß jede Erklärung der Wahrheit symbolisch ist - nur ein Zeichen, nur ein Schall, der die Trägheit aus ihrem Schlummer erweckt und dazu treibt, den Blick nach der Seite zu richten, wo er hörbar wird. Indem Sie von dem initiativen Charakter der Wahrheit als von einer unveränderlichen Erscheinung sprechen, stellen Sie das menschliche Dasein nicht so dar, wie es ist, sondern so, wie ich es zu sehen wünschte. Ich sage: die Weihen der Vorfahren sind versteinert, haben sich in tyrannische Werte verwandelt, die, indem sie verführen und schrecken, den individuellen Geist zu einer ergebenen und sogar freiwilligen Unterwürfigkeit bringen oder ihn in Nebel hüllen und ihm den Blick verlegen. Doch habe ich schon früher darüber geschrieben und werde hier, um mich nicht zu wiederholen, jene Seiten anführen. Ich schrieb, wie folgt: „Alle wußten, daß Napoleon nicht als Imperator geboren war. Wenn eine einfache Frau während einer prachtvollen Parade aus dem Menschenhaufen auf ihn schaute, konnte sie denken: ,Jetzt ist er - Imperator, der den persönlichen Namen fast verloren hat, Beherrscher der Völker, aber in den Windeln war er nichts für die Welt, nur das Kind seiner Mutter4. - Wenn ich in dem Museum vor dem berühmten Bilde stehe, denke ich ebenso über dieses. Der Maler malte es für sich, und im Schaffen war es von ihm unabtrennbar - er war im Bilde und das Bild 177