Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 42)
- Language
- German
- Belongs to
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„alten Wahren66; und so werden wir, sorglos und wißbegierig, wie Ausländer, an den zahllosen Altären und Götterbildern einer monumentalen Kultur, die zum Teil in Verödung liegen, zum Teil erneuert und neu ausgeschmückt sind, vorübergehen und an den vergessenen Orten nach eigenem Wunsche stehenbleiben und Opfer darbringen, wenn wir dort unverwelkliche, den Menschen unsichtbare Blumen erspähen, die der altertümlichen Grabstätte entsprossen. 4. Juli. W. I. 8. An Iwanow Sie sind eine Sirene, mein Freund - Ihr gestriger Brief ist verführerisch. Es schien mir, als ob mich die personifizierte Kultur selbst mit Ihrem Reichtum verlockte und mich liebevoll vor einem Bruch mit ihr warnte. Ja, ihre Stimme ist für mich unabweisbar: bin ich denn nicht ihr Sohn? Kein verlorener Sohn, wie Sie meinen, aber, was schwerer ist, der Sohn einer buhlerischen Mutter. Ihre Diagnose, mein lieber Arzt, ist entschieden falsch; es wird Zeit, daß ich mich klarer ausdrücke. Ich will durchaus nicht die Menschheit zur Weltanschauung und Lebensweise der Fidschianer zurückführen, will gewiß nicht das Lesen und Schreiben verlernen und die Musen vertreiben, träume nicht von Blümlein auf einer reinen Feldwiese. Mich dünkt, auch Rousseau, der Europa durch seinen Traum in Aufregung versetzte, träumte nicht von einer tabula rasa; das wäre ein dummer, leerer Traum gewesen, der niemanden hingerissen hätte. Sie haben diesmal die Grundfrage unseres Streites formuliert. Bisher schien es Ihnen, daß ich, der äußeren Erfolge der Kultur überdrüssig, im Arger daran gehe, unvorsichtig das Kind mit dem Bade auszuschütten. Nein, nein! Ich rede die ganze Zeit von den Verführungen im Geiste, von dem Gift im Blute, welches das Leben selbst ist; ich rede gerade von dem wertvollsten, das in einer tausendjährigen wesentlichen Erfahrung erworben wurde, von den von Ihnen sogenannten echten Weihen der Väter, von der objektiven und unabänderlichen Wahrheit - ich sage, daß gerade dieser lebendige Quell des geistigen Seins vergiftet ist und die Seele nicht mehr belebt sondern tötet. Es handelt sich gerade um die dynamische Natur der erkannten Wahrheit, um ihren initiativen Charakter im Geiste. Sie schreiben: „Denn die Erinnerung, ihre oberste Herrscherin, läßt ihre wahren Diener der ,Initiationen6 der Väter teilhaftig werden und ver- 176