Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 41)
- Language
- German
- Belongs to
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unseres gemeinsamen armen Freundes Leo Schestow besteht im Schreiben eines langen und komplizierten Traktates über dieses Thema. Mit dem Dekadenten redet nicht mehr der Geist durch seine früheren Verkünder, mit ihm redet nur die Seele der Epochen; die geistige Verarmung wendet ihn ausschließlich dem Seelischen zu, er wird völlig zum Psychologen, zum Psychologisten. Wird er den Glauben Goethes begreifen: „Das Wahre war schon längst gefunden, hat edle Geisterschaft verbunden, das alte Wahre faß es an!46 Für den Psychologen ist es nur eine alte Psychologie. Wenigstens wird von ihm alles Geistige und Objektive als psychologisch und subjektiv verdächtigt. Und wieder erinnere ich mich an Goethes Worte - Fausts Worte an Wagner: „mit gieriger Hand nach Schätzen gräbt und froh ist, wenn er Regenwürmer rindet**. Ist das nicht so, wie wenn unser nach lebendigem Wasser dürstender Freund seine psychologischen Untersuchungen macht und die V ergeblichkeit der Spekulationen aufdeckt? Man muß ihn seinem Dämon überlassen: mögen die Toten die Toten begraben. Ihm Glauben schenken bedeutet den Wurmfraß in den eigenen Geist einlassen. Das vermindert freilieh nicht unsere Liebe zu ihm, das zärtliche Mitleid mit ihm und seinem Werk, dem Werk eines tragischen und mit zähem Leben ausgestatteten Totengräbers. Wir wollen an das Leben des Geistes glauben, an die Heiligkeit und an die Weihen, an die unsichtbaren Heiligen um uns herum, an die unermeßliche verschmolzene Schar der kämpfenden Seelen, und rüstig weiterschreiten, ohne umherzublicken und zurückzuschauen, ohne den Weg zu messen, und ohne den Stimmen der Geister der Müdigkeit und Trägheit zu lauschen, die vom „Gift im Blute" und von der „Entkräftung in den Knochen" reden. Man kann ein fröhlicher \\ anderer auf Erden sein, ohne die Heimatstadt zu verlassen, und ein geistig Armer werden, ohne die Gelehrsamkeit selbst völlig zu vergessen. Längst haben wir den Verstand als untergeordnetes Werkzeug und als Diener des Willens anerkannt; er ist zweckmäßig für das Leben, wie ein beliebiges niederes Körperorgan; die ihn sättigenden Spekulationen können von uns, nach Ihren Worten, fremden Händen überantwortet werden, wie wir unnütze Bücher abgeben, wenn wir sie nicht auf den Regalen der Hausbibliothek friedlich ruhen lassen. Aber den lebenspendenden Saft dieser Spekulationen, dieser Religionen, ihren Geist und Logos, ihre weihevolle Energie wrollen wir tief einatmen im Namen des Goetheschen 173