Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 37)
- Language
- German
- Belongs to
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in seltenen Ausnahmefällen. Sehen Sie doch, wie sich unser Freund Schestow im Netze abplagt. Wie oft haben wir von ihm mit Liebe gesprochen! Hat nicht gerade er die Leere der Spekulationen, den tötenden Dogmatismus der Ideen und Systeme durchschaut? Hungert nicht ge- O •/ DO rade er nach Freiheit? Sein sehnsuchtsvoller Geist strebt hilflos fort; bald müht er sich, die Knoten des dogmatischen Denkens, welches die Menschheit umwickelte, zu entwirren, bald wieder erzählt er hingerissen von den momentanen Durchbrüchen, welche diesem oder jenem, einem Nietzsche oder Dostojewski, Ibsen oder Tolstoi gelangen und von ihren jammervollen Rückfällen in den Kerker. Mit dem Gift im Blute, mit der Entkräftung in den Knochen kann man nicht in die Freiheit hinaustreten. Der Glaube, die Liebe und die Inspiration, alles, was fähig ist, den Geist zu befreien - alles in uns ist angesteckt und krankhaft und befreit daher nicht. Wie wollen Sie, daß auf dem Boden, der von Blöcken uralter Gedankenstimmungen und Systeme, von zahllosen Splittern uralter, alter und neuer Ideen verschüttet ist, auf dem die Mausoleen „geistiger Werte" — unbezweifelbarer Werte des Glaubens, des Denkens, der Kunst - in Unordnung errichtet sind, - daß auf einem solchen Boden gewaltige Eichen und zarte Veilchen erwachsen? Auf ihm kann ja doch nur kümmerliches und rauhes Gesträuch und der Efeu der Ruinen geo deihen. Aber nicht davon wollte ich reden. Sie haben recht: ich weiß nicht und will es auch gar nicht wissen, was der Mensch „hinter den Mauern des verlassenen Kerkers" antreffen wird, und gestehe meine völlige Teilnahmslosigkeit „an dem Werke der Vorbereitung der Freiheitswege*" ein: das alles, mein Freund, sind Spekulationen und wieder Spekulationen. Mir genügen auch die, welche die Luft um mich herum und meinen eigenen Verstand sättigen. Mir liegt nichts an Vernünfteleien. Ich fühle „einfach44, wie Sie sagen, ein dringendes Bedürfnis nach Freiheit für meinen Geist oder mein Bewußtsein. So fühlte sich vermutlich ein Grieche im sechsten Jahrhundert qualvoll umstrickt von der übermäßigen Vielheit der Gottheiten seines Olvmps, von den ihnen beigelegten Eigenschaften und Ansprüchen, von der üppigen Fülle der geheiligten Mythen und des religiösen Kultus -, so erstickt vielleicht ein Australier in der drückenden x\tmosphäre seines verwickelten Animismus und Totemismus, ohne die Kraft zu haben, sich von ihnen zu be- 171