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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 36

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 36)
Language
German
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der Erde „ohne Musen und Schriftzeichen" ufjovöoi xca äyQa^naroL wiedergeboren, um ihr vergängliches Aufbauen wieder zu beginnen, während der heilige Nil das unbewegliche Ägypten rettete, welches auf seinen ewigen Tafeln die von den Hellenen vergessene alte Erinnerung an die Väter, an das große und ruhmreiche Geschlecht der Menschen, die das Joch der uralten Atlantis abschüttelten, bewahrte. Mein lieber Mitfragesteller! Wie jener Ägypter und sein hellenischer Schüler und Plato selbst, entzünde ich meinen Weihrauch auf dem Altar der Erinnerung, der Mutter der Musen, rühme sie als „Pfand der Unsterblichkeit, Krone des Bewußtseins" und bin überzeugt, daß kein Schritt auf der Stufenleiter des geistigen Aufstiegs möglich ist ohne einen Schritt abwärts auf den Stufen, welche zu ihren unterirdischen Schätzen führen: je höher die Zweige aufstreben, um so tiefer gehen die Wurzeln. Sollten Sie mir aber antworten, daß Sie sich nicht anheischig machen und sich sogar nicht für berechtigt halten, den Inhalt der zukünftigen Geistesverfassung der Menschen der erneuerten Kultur im voraus zu bestimmen, daß Sie einfach für sich und für die Nachkommen das dringende Bedürfnis erleben, aus dem stickigen Gewölbe in die freie Luft herauszutreten, ohne zu wissen und wissen zu wollen, was Sie und diese Nachkommen hinter den Mauern des verlassenen Kerkers antreffen, so würden Sie damit Ihre fatalistische Teilnahmslosigkeit am Werke der Vorbereitung der Freiheitswege und die äußerste Verzweiflung an der eigenen Befreiung kundtun. So sei es nicht! 30. Juni. W. I. 6. An Iwanow. Mein herzliebes Nachbarlein, vergebens locken Sie mich mit zärtlichen Ermahnungen, meinen Winkel zu verlassen und in den Ihrigen überzusiedeln. Ihr Winkel ist auch ein von Mauern umschlossener Winkel — Freiheit gibt es dort nicht. Sie sagen: der Kulturmensch soll sich nur dem Glauben hingeben, dann ist er wesentlich frei. Ich antworte: teils ist er, mit dem Kulturerbe belastet, unfähig, zum Absoluten emporzusteigen; wenn er aber auch den Glauben hat, so teilt dieser doch das Los aller seiner Seelenzustände: er ist angesteckt mit Reflexion, entstellt und kraftlos. Ich wiederhole, was ich Ihnen neulich schrieb: unser Bewußtsein kann nicht der Kultur transzendent werden oder doch nur 170

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