Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 38)
- Language
- German
- Belongs to
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freien. Hinter den Mauern des Kerkers träumte jenem Griechen vielleicht, dem einen universalen, unpersönlichen Gott, den seine Seele vorausahnte, frei gegenüber zu stehen, jenem Australier die Freiheit und Sorglosigkeit des von Furcht nicht bedrückten Geistes und die freie, durch toteniistische Verbote nicht beschränkte Wahl der Gattin. Weder der eine noch der andere konnten ihrem positiven Traum und ihrer Hoffnung Ausdruck verleihen. Wer sich befreien will, sieht nur die Schranke und verkündet nur seine Negation; aber er kämpft und verneint immer .am Namen", in ihm wurde schon ein positives Ideal reif, welches allein ihm die Leidenschaft und die Kraft zum Kampfe gibt. Dieses Ideal ist unklar und unausgesprochen: nur ein solches bewegt den Willen; ein klar erkanntes und ausdrückbares Ideal ist ein System kaum lebendiger, schwach bewegender, deutlicher Ideen - ein Produkt des Zerfalls. Was ich will? Ich will Freiheit des Bewußtseins und des Suchens, ich will die ursprüngliche Frische des Geistes, um dorthin zu gehen, wo es mir behebt, auf nicht ausgetretenen Wegen, nicht begangenen Pfaden; erstens weil es lustig wäre, zweitens weil wir am Ende - wer kann es wissen - auf neuen Bahnen mehr finden werden. Doch nein: hauptsächlich darum, weil es hier, wie in unserem Heim, langweilig ist. Man sehnt sich nach Wiesen und Wäldern. Ich will nicht nur - ich glaube fest, daß es so sein wird; woher sollte sonst in mir dieses Gefühl sein? Die Echtheit und Stärke meines Gefühls sind mir eine Bürgschaft, daß es so sein wird. Sie wissen: aus den Reptilien sind die Vögel hervorgegangen; mein Gefühl ist wie vormals das Brennen und Jucken in den Schultern des Amphibiums, als die Flügel zum erstenmal entstanden. Der unklare Traum jenes Griechen und jenes Australiers waren Vorahnungen und Vorboten der Freiheit, die sich Jahrhunderte später verwirklichte. Vielleicht mußte der Mensch von der uranfänglichen Freiheit durch eine lange Periode der Disziplin, der Dogmen und der Gesetze hindurchgehen, um von neuem, schon als ein anderer in die Freiheit hinauszutreten: vielleicht. Aber wehe den Generationen, welchen dieses mittlere Stadium - der Weg der Kultur - zuteil wurde. Sie zersetzt sich von innen heraus - das sehen wir deutlich, und sie fällt in Lumpen von dem entkräfteten Geist herab. Ob sich die Befreiung also vollziehen oder als Katastrophe hereinbrechen wird, wie vor zwanzig Jahrhunderten — ich weiß es nicht, und ich selbst werde natürlich das Land der Verheißung nicht betreten, 172