Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 35)
- Language
- German
- Belongs to
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völlig in der relativen menschlichen Kultur leben, sondern mit einem Teil des eigenen Wesens über sie in die Freiheit hinauswachsen. Das Leben in Gott ist wahrhaft Leben, d. h. Bewegung: es ist ein geistiges Wachstum, eine Himmelsleiter, ein Weg bergauf. Es genügt, den Weg zu betreten, den Pfad zu finden; das übrige wird uns von selbst zufallen. Von selbst werden sich die Gegenstände der Umgebung verschieben, die Stimmen entfernen, neue Horizonte eröffnen. Die Tür zur Freiheit ist eine für alle, welche gemeinsam dasselbe Gefängnis bewohnen; und sie ist stets geöffnet. Geht der eine heraus, so folgt ihm ein anderer. Vielleicht werden auch alle einer nach dem anderen herauswandern. Ohne den Glauben an Gott wird die Menschheit die verlorene Frische nicht wiederfinden. Es ist nutzlos, die veralteten Kleider abzuwerfen, man muß den alten Adam ablegen. Nur das lebendige Wasser verjüngt. L nd das Ihnen vorschwebende Bild eines erneuerten Zusammenlebens „ohne Musen und Schriftzeichen", so verlockend es auch sein mag, ist dennoch ein trügerisches Traumbild und eine decadence, wie jeder Rousseauismus, wenn die von Ihnen erträumte Menschenschar keine Gebetsgemeinschaft ist, sondern aus neuen Schößlingen ebenso verdorbener Menschen besteht, wie wir selbst sind. Wenn Sie mir zur Antwort gäben, daß, wie dem auch sei, selbst schon der Prozeß des neuen Kulturgestaltens, der Aufprägung neuer Zeichen auf der tabula rasa der menschlichen Seele der Menschheit erneuerte Frische des Schaffens, Unmittelbarkeit des Weltempfindens, Rückkehr der Jugend für lange Zeiten sicherte, so bliebe mir nur eines: mit den Achseln zu zucken und über den tiefgehenden Optimismus Ihrer Antwort zu staunen, welche aus dem dem Zeitalter Rousseaus eigentümlichen Nichtverständnis jener verhängnisvollen Wahrheit herv orgeht, daß selbst die Quellen des geistig-seelischen Lebens vergiftet sind, daß die orphische und biblische Behauptung eines ursprünglichen „Sündenfalls" leider keine Lüge ist. Unser Gespräch würde mich in diesem Fall an ein anderes, uraltes Gespräch erinnern, von dem Plato im „Timäus" berichtet. Die Gesprächsteilnehmer waren Solon und ein ägyptischer Priester. „Ihr, Hellenen, seid Kinder, und es ist kein Greis unter euch** - sa^te © dieser jenem. Periodische Überschwemmungen und Feuersbrünste verwüsteten das Antlitz der Erde, aber die Menschen in den von Hellenen bevölkerten Ländern wurden nach diesen zerstörerischen Konvulsionen 169