Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 34)
- Language
- German
- Belongs to
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seits diesen Vorbehalt machen) „die Schuld meiner Augen sein" - das Verbleiben in einer Kultur nicht ohne eine wesentliche Verschmelzung mit ihr zu denken. Ich aber denke mir, daß das Bewußtsein einer Kultur völlig immanent, daß es ihr aber auch nur teilweise immanent, teilweise dagegen transzendent sein kann, was sich übrigens auch leicht an einem im Zusammenhang unsrer Unterhaltung besonders wichtigen Beispiel zeigen läßt. Der an Gott glaubende Mensch wird um keinen Preis damit einverstanden sein, seinen Glauben für einen Teil der Kultur anzuerkennen; dagegen wird der von der Kultur geknechtete Mensch letzteren unvermeidlich für ein Kulturphänomen erachten, wie immer er seine Natur näher bestimmen mag - ob als vererbte Vorstellung und historisch bedingten Psychologismus, oder als Metaphysik und Poesie, oder als soziomorphische Triebfeder und sittlichen Wert. Alles mögliche wird er in diesem Glauben erblicken, ihn aber unabänderlich in den für ihn das gesamte Geistesleben umfassenden Kreis der Kulturerscheinungen einführen und niemals dem Gläubigen zustimmen, daß sein Glaube etwas außerhalb der Kultur Liegendes, Selbständiges, Einfaches und Ursprüngliches sei, das seine Persönlichkeit mit dem absoluten Sein unmittelbar verbinde. Denn für den Gläubigen ist der Glaube seinem Wesen nach von der Kultur getrennt, wie die Natur und die Liebe von ihr getrennt sind ... Also? Also: von der Tatsache unseres Glaubens an das Absolute, welches schon nicht Kultur ist, hängt die innere Freiheit ab - eben sie ist das Leben selbst - oder unsre innere Knechtung durch die Kultur, welche im Prinzip längst gottlos ist, da sie den Menschen (wie das Kant endgültig verkündet hat) in ihm selber einschloß. Allein durch den Glauben - d. h. durch den grundsätzlichen Verzicht auf den Sündenfall der Kultur - wird Ihre von Ihnen so lebhaft empfundene „Verführung64 überwunden. Aber die Erbsünde wird durch eine oberflächliche Zerstörung ihrer äußeren Spuren und Manifestationen nicht entwurzelt werden. Lesen und Schreiben verlernen und (um mit Plato zu reden) die Musen vertreiben - das wäre nur ein Palliativ: die Schriftzeichen werden doch Mieder hervortreten, und die Schriftrollen werden von neuem dieselbe unabänderliche Geistesverfassung der an den Fels geschmiedeten Gefangenen der Platonischen Höhle widerspiegeln. Rousseaus Traum ist dem Unglauben entsprungen. Dagegen bedeutet in Gott leben nicht mehr 168