Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 31)
- Language
- German
- Belongs to
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indem er mit Evidenz bewies, daß wir völlig in uns eingeschlossen sind und keine Mittel haben, über die Grenzen unsres Bewußtseins hinauszugehen und mit der Welt in Berührung zu kommen. Das Ding an sich ist unerkennbar; indem wir die Welt erkennen, erkennen wir nur Erscheinungen und Gesetze unsres Geistes; die Außenwelt besteht nur in unsrer Einbildung oder im Traum, sie existiert überhaupt nicht; unser Wahrnehmungsapparat ist die einzige Realität. Diese Entdeckung war logisch unabweisbar. Wie das Licht in der Nacht leuchtete die Wahrheit auf, und das Bewußtsein mußte sich ihr widerspruchslos unterwerfen. Es vollzog sich ein gewaltiger Umschwung in den Geistern: die Dinge, die Menschen, ich selbst als Kreatur, kurz die ganze, vorher so kompakte und tastbare Wirklichkeit, all das stieg plötzlich gleichtun in die Luft bis auf einen Fuß über die Erde und wurde gespensterhaft durchsichtig. Es gibt nichts Wesentliches; alles, was seiend scheint, sind nur planmäßig gebildete Luftspiegelungen, mit welchen unser Geist, Gott weiß zu welchem Zweck, den leeren Raum bevölkert. Hundert Jahre lang herrschte diese Doktrin und veränderte das Bewußtsein der Menschen in radikaler Weise. Und nun ist für sie das Ende gekommen. Unmerklich hat sie ihre Kraft verloren, ist trübe geworden und verraucht. Die Philosophen wagten es, sich zur Verteidigung der alten naiven Erfahrung zu erheben, der Außenwelt wurde ihre unbezweifelbare Realität von neuem wiedergegeben, und von der blendenden Entdeckung blieb nur ihr bescheidener Ansatz erhalten: jene von Kant enthüllte Wahrheit, daß die formalen Kategorien unsres Wissens, die Kategorien der Zeit, des Raums und der Kausalität nicht real, sondern ideal sind, nicht der Welt, sondern dem Bewußtsein wesentlich angehören und von diesem der Erfahrung, wie ein Liniennetz der Landkarte, aufgelegt werden. Der hundertjährige Trug ist jetzt vergangen, aber welch furchtbare Spuren hat er hinterlassen! Der Alp der Gespensterhaftigkeit überzieht noch immer die Vernunft mit dem Spinngewebe des Wahnsinns. Der Mensch kehrt zu der Empfindung des realen Seins zurück, wie ein Genesender nach schwerem Siechtum, mit dem krankhaften und angstvollen Gefühl, ob nicht alles sich ihm Darbietende ein Traum sei. So arbeitet die abstrakte Vernunft in den Laboratorien der Wissenschaft Kenntnisse und Systeme aus, die für sie unfehlbar, aber für den Geist fremdartig sind, und wenn eine solche Wahrheit - was ja unvermeidlich ist - mit der Zeit in den 165