Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 30)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0170-2824239- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Stande vertrauen, wenn wir sicher wissen, daß er selbst von der Kultur großgezogen wurde und sie natürlich anbetet, wie der unbegabte Sklave den Herrn, welcher ihn erhöhte? Ein anderer nichtkäuflicher Richter erhob in mir seine Stimme. Sei es, daß ich müde ward, die über meine Kraft gehende Last zu tragen, oder daß mein urerschaffener Geist aus dem Wust der Kenntnisse und Gewohnheiten hervorleuchtete - genug: ein schlichtes Gefühl kam mir zum Bewußtsein und erstarkte in mir, ein Gefühl geradeso unwiderleglich wie dasjenige des Hungers oder des Schmerzes. Ich richte nicht die Kultur, ich bezeuge nur: in ihr ersticke ich. Wie Rousseau träume ich von einem seligen Zustand völliger Freiheit und Unbelastetheit des Geistes, paradiesischer Sorglosigkeit. Ich weiß zu viel, und diese Bürde drückt mich. Nicht ich habe dieses Wissen in lebendiger Erfahrung erworben; es ist ein allgemeines und fremdes, von den Urvätern und Vorfahren herkommendes. Vermöge der Verführung der Beweisbarkeit drang es in meinen Verstand ein und erfüllte ihn. Und eben weil es allgemein, überpersönlich bewiesen ist, läßt seine Unbestreitbarkeit meine Seele zu Eis erstarren. Unzählbare Kenntnisse haben mich, wie Millionen unzerreißbarer Fäden, umstrickt, samt und sonders unpersönlich, unabänderlich, bis zum Entsetzen unvermeidlich. Und wozu sind sie mir nütze? Ihre überwiegende Mehrzahl brauche ich überhaupt nicht. In Liebe und Leiden bedarf ich ihrer nicht, nicht durch sie begreife ich in verhängnisvollen Irrtümern und unvermutetem Erreichen langsam meine Bestimmung, und in der Stunde des Todes werde ich mich ihrer natürlich nicht erinnern. Aber, wie Kehricht, verschütten sie meinen Verstand, in jedem Augenblick meines Lebens sind sie da und stehen als staubiger Vorhang zwischen mir und meiner Freude, meinem Schmerz, jedem meiner Gedanken. Von diesem unermeßlichen unpersönlichen Wissen, von den im Gedächtnis festgehaltenen zahllosen Spekulationen, Wahrheiten, Hypothesen, Denkregeln und moralischen Gesetzen, von diesem ganzen Ballast angesammelter intellektueller Reichtümer, mit welchen jeder von uns beladen ist, kommt jene Entkräftung, welche uns verzehrt. Denken Sie nur an eines: an die Lehre vom Ding an sich und von der Erscheinung. Der große Kant entdeckte, daß wir vom Ding selbst nichts wissen, daß alle seine von uns wahrgenommenen Merkmale unsre Vorstellungen sind. Schopenhauer befestigte diese Wahrheit, 164