Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 32)
- Language
- German
- Belongs to
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Nähten reißt und abfällt, dann fragen wir uns kummervoll: warum hat sie die Geister so viele Jahre umwickelt und die Freiheit ihrer Bewegung gehemmt? Wie die in Läden feilgebotenen Sachen uns durch ihr hübsches Aussehen und durch die Bequemlichkeit verführen, so verführen uns Ideen und Kenntnisse in nutzloser Weise, und unser Geist wurde mit ihnen ebenso überladen wie unsere Häuser mit Sachen. Die Idee und das Wissen sind für mich fruchtbar, wenn sie aus meiner persönlichen Erfahrung in mir auf natürliche Art geboren sind oder wenn ich ein unüberwindliches Bedürfnis nach ihnen empfand; wenn ich sie mir aber rein äußerlich und ohne natürliche Bedürfnisse aneigne, sind sie wie Guttaperchakragen, Schirme, Gummischuhe und Uhren, welche der nackte Neger in den Wildnissen Afrikas von dem Europäer durch Tausch erwirbt und sich anlegt. Und nun sage ich: mich langweilt die Fülle der Fabrikgegenstände in meinem Hause, aber unendlich mehr bedrückt mich die angesammelte Vollgepfropftheit meines Geistes. Ich gäbe alle von mir aus Büchern herausgelesenen Kenntnisse und Gedanken und dazu auch noch die, mit welchen ich sie zu überbauen wußte, für die Freude her, ein einziges ursprüngliches, ganz schlichtes, wie der Sommermorgen frisches Wissen persönlich aus eigenster Erfahrung zu gewinnen. Ich wiederhole: es liegt nicht an der Zwangsmäßigkeit, von der Sie schreiben, sondern an der Verführung. Die Verführung ist zwingender als die Gewalt. Die abstrakte Vernunft zwingt der Persönlichkeit ihre Entdeckungen durch die Verführung der objektiven Wahrheit auf. Sie sagen: nachdem wir die Ladung abgeworfen haben, werden wir unvermeidlich anfangen, sie wieder anzuhäufen, und uns von neuem belasten. So ist es unbestreitbar - wir können unsre Vernunft nicht loswerden und ihre Natur nicht verändern. Aber ich weiß und glaube, daß ein anderes Schaffen und eine andere Kultur möglich sind, welche nicht jede Erkenntnis in ein Dogma einmauern, nicht jedes Gut zu einer Mumie und jeden Wert zu einem Fetisch austrocknen. Ich bin ja nicht allein - viele ersticken in diesen steinernen Mauern - und Sie, als Dichter, würden Sie sich denn, ohne zu murren, hier einleben, wenn Ihnen nicht die glückliche Gabe zuteil geworden wäre, wenigstens bisweilen und für kurze Zeit über diese Mauern durch Inspiration hinauszufliegen in den freien Raum, in die Sphäre des Geistes? Neiderfüllt verfolge ich mit den 166