Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 29)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2823768-2823781-2823784--0169-2824238- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
sehnte Befreiung. Wasche dich mit Quellwasser und - verbrenne. Das ist immer möglich, an jedem beliebigen Morgen des täglich erwachenden Geistes. 19. Juni 1920. W. I. 4. An Iwanow Unser zufällig begonnener Briefwechsel von einem Zimmerw inkel zum anderen fängt an mich zu fesseln. Sie entsinnen sich: in meiner Abwesenheit schrieben Sie mir den ersten Brief und ließen ihn im Fortgehen auf meinem Tische liegen; und ich antwortete Ihnen darauf, als Sie nicht zu Hause waren. Jetzt schreibe ich in Ihrem Beisein, während Sie sich in stillem Nachsinnen bemühen, die rauhen, Jahrhunderte alten Falten der Danteschen Terzinen zu glätten, um nach ihrem Muster ihr Abbild im russischen Stil zu modellieren. Ich schreibe, weil so der Gedanke vollständiger zum Ausdruck gebracht und deutlicher gegliedert aufgefaßt werden wird, - wie ein Laut in der Stille. Nach Tisch aber wird sich jeder von uns auf sein Bett legen, Sie mit einem Bogen Papier, ich mit einem kleinen Büchlein in Ledereinband, und Sie werden mir Ihre Übersetzung des „Fegefeuers" vorlesen - die Frucht Ihrer Vormittagsarbeit, ich aber werde v ergleichen und disputieren. L nd heute wieder, wie in vergangenen Tagen, werde ich mich an dem satten Klang Ihrer Verse berauschen, aber auch von neuem von dem bekannten beklemmenden Gefühl erfaßt werden. Oh, mein Freund, Schwan des Apollo! Warum w ar damals, im vierzehnten Jahrhundert das Gefühl so stark, das Denken so frisch und das Wort so wesentlich, und warum sind unsre Gedanken und Gefühle so blaß, unsre Rede wie von Spinngewebe durchzogen? Treffend sprachen Sie von der Metaphysik als einem System kaum fühlbarer Nötigungen; aber ich spreche von etwas anderem - von der Totalität unserer Kultur und von den feinsten Ausdünstungen, mit welchen sie das ganze Gewebe unsres Seins durchtränkte, nicht von Nötigunoren, sondern von 7 © C 7 Versuchungen, welche unsren Geist zersetzten, schwächten und entstellten. Und nicht einmal davon, nicht von den Folgen und dem Schaden der Kultur, weil es Sache des Verstandes ist, den Nutzen und den Schaden zu bewerten, und jedes Argument, welches das Schwert nimmt, durch das Schwert umkommt. Dürfen wir denn in dieser Sache unsrem Ver- 163