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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 28

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 28)
Language
German
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der Wissenschaft erstreben. Und jene Geistesstimmung, welche Sie zur Zeit so qualvoll beherrscht, - das verschärfte Gefühl der übermäßigen Schwere des auf uns lastenden Kulturerbes - geht wesentlich hervor aus dem Erlebnis der Kultur nicht als einer lebendigen Schatzkammer von Gaben, sondern als eines Systems feinster Nötigungen. Das ist nicht verwunderlich: strebte doch die Kultur eben gerade danach, zu einem Zwangssystem zu werden. Für mich aber ist sie eine Leiter des Eros und eine Hierarchie der Verehrungen. Und um mich herum sind so viele Dinge und Personen, welche mir Ehrfurcht einflößen, vom Menschen und seinen Werkzeugen, seiner gewaltigen Arbeit und seiner verunglimpften Würde bis zum Mineral, daß es mir süß ist, in diesem Meer zu versinken („naufragar mi e dolce in questo mare"), - zu versinken in Gott. Denn meine Verehrungen sind frei, keine ist verbindlich, jede ist offen und zugänglich und jede beglückt meinen Geist. Wohl enthüllt jede Verehrung, indem sie in Liebe übergeht, mit dem scharfen Blick der Liebe die innere Tragödie und die tragische Schuld in allem, was sich von den Quellen des Seins trennte und in sich vereinzelte: unter jeder Rose des Lebens wird das Kreuz erkennbar, aus dem sie erblühte. Aber das ist schon die Sehnsucht nach Gott - der Drang der Schmetterlings-Seele nach dem Feuertod. Wer diesen Grundtrieb nicht kennt, der ist, nach Goethes treffendem Wort, an einer anderen, öden Sehnsucht krank, ob er auch gleich die Maske der Fröhlichkeit nicht ablegt: er ist „ein trüber Gast auf der dunklen Erde44. Unsere wahre Freiheit, unser edelstes Glück und edelstes Leid sind immer mit uns, und keine Kultur wird sie von uns nehmen. Die Schwäche des Fleisches ist schrecklicher, denn der Geist ist wachsam, aber das Fleisch ist schwach; der Mensch ist schutzloser gegenüber Not und Krankheit als gegenüber leblosen Götzen. Er wird das verhaßte Joch der tötenden Erblichkeit von den Schultern nicht abschütteln, indem er es gewaltsam abschafft, da es auf ihm von selbst wieder wachsen wird - wie der Höcker vom Kamel auch dann untrennbar ist, wenn es die Traglast vom Rücken abgeworfen hat - sondern der Geist wird von diesem Joch nur dann befreit, wenn er ein anderes, „leichtes Joch44 auf sich nimmt. Mit Recht sagen Sie dem von seinen eigenen Reichtümern geknechteten Menschen: „werde44, aber Sie scheinen Goethes Bedingung zu vergessen: „zuerst stirb - stirb und werde44. Der Tod aber, d. h. die Wiedergeburt der Persönlichkeit ist eben ihre er- 162

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