Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 27)
- Language
- German
- Belongs to
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die Erinnerung an alle Religionen und philosophischen Systeme, an alle Kenntnisse, Künste, Poesie spurlos von der Seele wegzuspülen, nackt, wie der erste Mensch, das Ufer zu betreten - nackt, leicht und freudig, die bloßen Arme frei zum Himmel emporzustrecken und aus der Vergangenheit nur eines im Gedächtnis zu behalten: wie lästig und drückend heiß es in jenen Kleidern war und wie leicht ohne sie. Warum dieses Gefühl in mir erstarkte, weiß ich nicht. Vielleicht waren uns die üppigen Gewänder nicht beschwerlich, als sie noch unversehrt und schön auf uns saßen und den Leib bequem umfingen; da sie aber in diesen Jahren zerrissen und jetzt in Fetzen herabhängen, möchte man sie gänzlich herunterreißen und fortwerfen. M. G. 3. An Gerschenson Ich bin kein Baumeister von Systemen, lieber M. 0., gehöre aber auch nicht zu jenen Verschüchterten, welches alles Ausgesprochene für eine Lüge halten. Ich bin gewohnt, im „Walde der Symbole*" zu wandeln, und der Symbolismus ist mir im Wort nicht weniger verständlich als im Kuß der Liebe. Es gibt ein Wortzeichen für die innere Erfahrung, und sie sucht es und trauert, wenn es ihr fehlt, denn wes das Herz voll ist, des geht der Mund über. Keine bessere Gabe können die Menschen einander darbringen, als die überzeugend klare Kunde ihrer - wenn auch nur - Vorahnungen oder Anfänge eines höheren, geistigeren Bewußtseins. Jedoch muß man sich davor hüten, diesen Mitteilungen, diesen Bekenntnissen einen zwingenden Charakter beizulegen, d. h. sie in Verstandesbesitz umzuwandeln. Der Verstand ist seiner Natur nach zwingend; der Geist aber weht, wo er will. Geistig sein müssen die Worte - die Symbole der inneren Erfahrung der Persönlichkeit, und wahrhaft Kinder der Freiheit. Wie des Dichters Lied nicht zwingt, sondern bewegt, so müssen auch sie den Geist der Zuhörer bewegen, sie aber nicht gleich einem bewiesenen Theorem bestimmten Überzeugungen unterwerfen. Stolz und Herrschsucht sind die Schuld der Metaphysik, eine tragische Schuld, denn nachdem sie das väterliche Haus der ursprünglichen Religion verlassen und sich aus dem Schöße des vollendlichen geistigen Wissens herausgelöst hatte, mußte sie unvermeidlich nach Wissensehaftlichkeit begehren und das Szepter der großen Zwingerin - 161