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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 24

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 24)
Language
German
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einschneidendste in der bisherigen Geschichte des Christentums ist, auszusprechen! So viel ist gewiß, daß sich damit auch die Stellung der Kirche in der Welt in einer Weise ändern muß, die heute noch gar nicht abzusehen ist. Sie muß derselben Verschiebung der Grenze zwischen göttlich und menschlich unterliegen, die durch die Hereinziehung der Bibel in die Geschichte angezeigt ist. Die Grenze, die die Kirche bisher gegen die Welt gezogen hat, wird fallen, und damit erst wird die Kirche, was sie heute noch nicht tut, dienend in die Welt eintreten. Indem sie ihre statischen Sicherungen verliert, indem ihre gegenwärtige zeitliche Körperlichkeit untergeht, wird sie um so viel mehr an dynamischer Wirkung gewinnen. Das alles ist hier weder als Forderung noch als Prophezeiung gesagt. Die Forderung, sich hineinzustellen in die Wirklichkeit, ist positivistisch, denn Glaube an die Wirklichkeit läßt sich nicht fordern und ohne Glaube ist die Wirklichkeit nur das Nächste, Konkrete, Einzelne, Zufällige. Die Prophezeiung wäre gnostisch. Aber es gibt ein Drittes. Es ist gesagt, um zur Wirklichkeit Mut zu machen. Schluß Wir sind heute so weit, daß manchmal schon ein Neues vor uns steht, das sich deutlich abhebt von der Welt, die uns umgibt; noch ganz klein, nur vereinzelt und gelegentüch, aber doch deutlich genug, daß wir uns darauf verlassen dürfen, auch wenn wrir noch nichts in Händen haben. Es ist ungreifbar, denn wir haben noch keine Worte dafür. Es läßt sich höchstens andeuten. Zusammenhanglos steht es da, denn es ist nicht die Lösung alter Fragen. Es hat nichts mit den alten Programmen zu tun und ist keine von den erstrebten Synthesen. Es ist nur eine neue Einstellung. Wir können es nicht „begreifen46, in keinen Zusammenhang und Gedankengang einstellen. Es ist ein Durchblick zum andern Ufer. Aber es genügt, daß wir einen Augenblick gesehen haben, daß etwas möglich ist, was uns noch kein Gedanke gesagt hatte, weil wir es vorher nicht hatten denken können. Es gibt nichts, das stärker wäre, als das Sehen. Nur wo wir etwas sehen, lohnt es sich etwas zu sagen. Und was wir einmal gesehen haben, ist stärker, als was wir je gedacht haben, und wenn es uns noch so gut begründet schien. Denn Wirklichkeit läßt sich nur sehen, nicht denken. Das Denken hat noch nie das Sehen aufgehoben, aber das Sehen hebt das Denken auf. 158

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