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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 23

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 23)
Language
German
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kommen, wenn sie nicht mehr von oben, sondern von unten her gesehen wird. Wenn sie aber nicht prinzipiell zu einer radikalen Antithese verschärft wird, wird es uns möglich werden, relativ in natürlichen und zeitlichen Ausdrücken vom Geistigen zu sprechen. Wenn der Anspruch wegfällt, es für sich, in seiner ganzen Tiefe, in seiner Reinheit und Totalität auszusprechen, wird es seine isolierte Abstraktheit verlieren und konkret werden. Was für eine Verirrung des Menschen war es, daß er sich für den Geist für verantwortlich hielt und glaubte, das „geistige Leben" pflegen zu müssen! Was das für Kunst und Literatur, für Wissenschaft und Philosophie, für Bildung und Moral, für Theologie und Kirche bedeutet, wenn dieser Anspruch wegfällt, kann nicht wohl überschätzt werden, ^ir werden, ohne mehr für das geistige Leben zu fürchten, fallen lassen, was fallen will, und wenn nicht alles trügt, wird noch vieles fallen müssen, was heute nur noch davon lebt, daß es einen prinzipiellen Akzent trägt. Der Ort der Wandlung, von der wir sprechen, ist nicht bloß das besondere Verhältnis von Natur und Geist als eines isolierten Problems, sondern jede derartige antithetische Zweiheit, wie ihre Glieder auch heißen mögen, wird ihr unterliegen. Der Dualismus der zwei Welt-Substanzen, auf dem das mittelalterliche Weltbild aufgebaut war, ist noch nicht völlig überwunden. Zwar hat der Himmel, seit Galilei sein Fernrohr auf ihn gerichtet hat, seine Göttlichkeit verloren und ist in die Diesseitigkeit eingetreten, aber die Grenze zwischen göttlich und menschlich geht immer noch mitten durch unsere Welt. Von noch viel weittragenderer Bedeutung als die Entdeckung der Diesseitigkeit des Himmels wird es sein, daß im letzten Jahrhundert die Methoden der geschichtlichen Diesseitigkeitsforschung auf die „Heilige Schrift44 angewandt wurden. Damit wurde die Bibel ihrer Zeitlosigkeit und ihrer substanziellen Heiligkeit entkleidet. Gleichviel aus welchen Motiven das zuerst geschehen ist, für uns hat es jedenfalls längst aufgehört, nur ein Ereignis der Aufklärung zu sein. Gerade deshalb verstehen wir das tiefe Entsetzen der Theologen, o " die sich durch die historische Kritik den festen Boden unter ihren Füßen weggezogen sahen, wie wir auch das Entsetzen der peripatetischen Zeitgenossen Galileis verstehen. Aber wir sehen auch, daß die Herüberziehung der Bibel in die diesseitige Wirklichkeit in der Theologie und im Leben der Kirche bis jetzt noch nicht positiv zur Geltung gekommen ist. Wer könnte es auch heute wagen, die Folgen dieses Ereignisses, das wohl das 157

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