Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
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dein will oder schon gewandelt hat. Mehr kann heute nicht gesagt werden, wenn wir nicht Gefahr laufen wollen, unter die Zukunftspropheten zu geraten. Der Krampf des prinzipiellen Denkens scheint sich zu lockern. Wir werden freier, aber nicht im Sinne des Liberalismus und seines Freiheitsprinzips; wir lernen relativ zu denken, aber nicht im Sinne des Relativismus; die Psychologie kommt wieder bei uns zu Ehren, aber nicht mit dem prinzipiellen Anspruch des Psychologismus. Selbst vom Fortschritt w erden w ir w ieder sprechen und uns seiner freuen können, jedoch nur von Fall zu Fall und ohne die prinzipielle Betonung, die uns das Wort so unleidlich gemacht hat. Es handelt sich dabei nicht um die große weltgeschichtliche Wende, von der in den prinzipiellen geschichtsphilosophischen Konstruktionen der letzten Jahre so viel die Rede war, nicht um den Anbruch einer neuen, messianischen Zeit, in der die Menschen gut sind; trotzdem wird eine Zeit, die weniger prinzipiell denkt und deren Blick dafür offener ist für das Wirkliche, ein ganz anderes Gesicht haben als das 19. Jahrhundert und die Vorkriegszeit, auch ohne einen Bruch der geschichtlichen Kontinuität. Wir leben nicht in einer absterbenden, sondern in einer aufsteigenden Zeit. Hinter uns hegt nichts Abgeschlossenes, so daß wir auf reinem Boden neu aufbauen könnten. Es Hegen noch zu viele unerfüllte Aufgaben vor uns. Was wir heute absterben sehen, sind die Reste deg Mittelalters. Die Neuzeit, die mit der Entdeckung der Wirklichkeit im 16. und 17. Jahrhundert begonnen hat, steht noch in ihren Anfängen. Das Weltbild der Neuzeit ist noch zu unfertig, um schon wieder durch ein neues Weltbild abgelöst zu werden. Die Wandlung, in der wir jetzt stehen, verlangt nicht neue Inhalte, sie vollzieht sich nicht im Theoretischen, sondern in der vortheoretischen Einstellung. Die Wissenschaftskrise wird sich nicht damit lösen, daß eine neue, intuitive, lebendigere Wissenschaft an die Stelle der alten tritt, sondern daß wir zur Wissenschaft eine andere Einstellung gewinnen; und wie zur Wissenschaft, so auch zu allem andern. Das Relativwerden der großen Absoluta bedeutet, daß keine besondere Welt des Geistes, wie sie uns als Rest des mittelalterlichen Dualismus überliefert ist und wie sie auch der Idealismus noch erhalten hat, neben oder im Gegensatz zur Welt der Natur und der Geschichte mehr stehen wird. Geist und Natur werden deshalb nicht in einer mystischen Einheit aufgehen. Ihre Augenblicksspannung wird nur noch stärker zur Geltung 156