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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 21

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 21)
Language
German
Belongs to
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der Harmonie des Seins stellt auch die Romantiker in diese Reihe. Der Romantiker will die Einheit nicht von Schritt zu Schritt gewinnen, sondern er stellt sie sich irgendwo in der Vergangenheit, sei es im Mittelalter, sei es im Paradies, als verwirklicht vor, als das Ziel seiner Sehnsucht, an dem er teilhat, indem er davon träumt. Er lebt aus dem Bilde dessen, was er möchte: „Selig sind, die Heimweh habenl'~ Einheit nimmt im romantischen Weltbild eine andere Stelle ein, als im Denken des Wirklichkeitsgläubigen. Der Blick des Romantikers ist über die Gegenwart und ihre Ansprüche weg auf seine ideale Welt gerichtet; in dem romantischen Grundbegriff des Organischen steckt die Erwartung, daß die Einheit sich ohne sein Zutun, „von selbst", ursprünglich" verwirkliehe. Auch das Drängen zum geschlossenen System, das der romantischen Philosophie eigen ist, läßt den gnostischen Charakter des romantischen Denkens erkennen. Immer ist die abgeschlossene Lehre, die vorweggenommene O c?C Totalität des Seins, die dem „Wissenden4* den vorgesehenen Ort und Sinn alles Einzelnen enthüllt, der Grund der gnostischen Welteinstellung. Auf der andern Seite stehen die Positivisten. Während der Gnostiker in der Anschauung der vorweggenommenen Einheit lebt, lebt der Positivist ganz im Einzelnen. Er will weder eine primäre Einheit, die vor allem Einzelnen liegt, noch eine sekundäre, das heißt einen Ab- und Zusammenschluß seines Wissens. Der Positivist ist gänzlich untheoretisch und begnügt sich mit den unverbundenen Teilen der Welt. Ja die Teile können ihm gar nicht klein genug sein: die Erkenntnistheorie des Positivismus ist der Sensualismus, der nur die Empfindungselemente als Wirklichkeit gelten läßt. Der Gnostiker lebt im Geist ohne Materie, der Positivist in der .Materie ohne Geist. Beide treiben sie ,,Welt-Entzweiung^: der eine will die Welt von ihrem Anfang bis zu ihrem Ende ein für allemal als geschlossene Einheit in seinem System haben, der andere verachtet die Einheit und läßt sie höchstens als Mittel (Als-Ob) gelten, um sich des Einzelnen zu bemächtigen. Bei beiden sind Geist und Natur auseinandergerissen: beim Gnostiker stehen sie in radikaler Antithese, beim Positivisten in völliger Beziehungslosigkeit. Die vielfachen Anzeichen einer Wandlung, die wir heute sehen, deuten darauf hin, daß sich dieses Verhältnis von Geist und Natur, die hier nur stellvertretend für alle andern antithetischen Paare genannt sind, wan- 135

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