Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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wirken zwei Jahrtausende alter substanzieller Denkgewohnheiten sehen will, für deren Uberwindung dreihundert Jahre eine zu kurze Frist waren. Tatsächlich lebt ja das Mittelalter auch in unseren Lebensordnungen noch weiter, die nur liberalisiert und säkularisiert wurden. Es gibt für uns keine zeitlichen Lebensformen von zeitloser Geltung. Wie dem Glauben die Wirklichkeit zwar nicht positiv unendlich, aber unerschöpflich ist, so sind ihm auch die Möglichkeiten des Menschen in der Uberwindung seiner zeitlichen Konflikte zwar nicht prinzipiell grenzenlos, aber auch nicht prinzipiell begrenzt. Es gibt eine Lösung, im Großen wie im Kleinen: auf das prinzipielle Denken verzichten, das Teilhafte in seiner Wirklichkeit lassen, statt es als eigene Totalität aus ihr herauszuheben. Denken wir an irgendeine der politischen Gegenwartsfragen, etwa an die Schule. Man glaubt den unpersönlichen Charakter der öffentlichen Schule damit überwinden zu können, daß man ihre Teilaufgabe zu einer universalen Aufgabe erweitert. Das Versagen der heutigen Erziehung hat seinen Grund vor allem in der allgemeinen prinzipiellen Erziehungssucht. Diese Erziehungssucht wirkt nicht bloß in der Breite, sondern auch in der Tiefe. Aus der Unfähigkeit, die Aufgabe der Schule in der Wirklichkeit zu begrenzen, geht man auf das ,,Wesen4" der Schule zurück, und stellt an die Schule Forderungen, die aus ihrem Wesen abgeleitet sind. Die Schule soll nicht bloß Lernschule, sondern Lebensschule sein. Sie soll nicht bloß eine den praktischen Bedürfnissen des Lebens dienende Verstandesbildung geben, sondern Wesensbildung. Man verlangt von der Schule eine erzieherische Totalität. Damit erhält ihre Aufgabe o einen prinzipiellen Charakter. Man kann aber die Schule nicht in das Leben, d. h. in die Wirklichkeit einbauen, indem man sie selber zu einer Totalität erweitert, sondern nur, indem man sie dienend einbaut in die vielfältigen Beziehungen zum Leben, die ihre Wirklichkeit ausmachen. Die wirkliche Schule ist etwas anderes als das Wesen der Schule. Die Grenzen ihrer Wirksamkeit sind die praktischen Grenzen der Arbeitsteilung. Nur indem ihre Aufgabe eine beschränkte ist, kann sie in lebendiger Beziehung stehen zu den andern erzieherischen Mächten, nicht indem sie ihre Eigenaufgabe imperialistisch überspannt. Totalitätsanspruch ist Herrschaftsanspruch, Arbeitsteilung ist Dienst. Durch den Totalitätsanspruch wird die Schule ein massives, unbewegliches Gebilde, das sich aus der Wirklichkeit des Lebens abspaltet. Totalitäten stehen