Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
- Belongs to
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zeitlosen Gegensätze des Allgemeinen und Besonderen, der Gemeinschaft und des Einzelnen, der Seele und der Maschine usw. nur die Bedeutung formaler Aussagen. Wenn der zeitlose Charakter dieser formalen Gegensätze übersehen wird, wenn sie in die geschichtliche Wirklichkeit übertragen werden, erstarren sie zu unauflösbaren Substanzen. Dieser Denkfehler wird besonders deutlich bei Simmel; da er das Verhältnis des Menschen zu den „Formen der Kultur66 vom Boden seiner Lebensphilosophie aus zeitlos sah, wandelte sich ihm die zeitliche Aufgabe zum „Konflikt der modernen Kultur66. In der kleinen Schrift, die diesen Titel trägt, lesen wir: „Alle jene leidenschaftlich stürmenden oder sich langsam vorarbeitenden Angriffe gegen die Formen unserer Kultur, die klarer oder verhüllter gegen diese die Kraft des Lebens eben nur als Leben und weil es Leben ist, einsetzen, sind Offenbarungen des tiefsten inneren Selbstwiderspruches des Geistes, sobald er sich zur Kultur entwickelt, das heißt sich in Formen dartut.66 Dieser Konflikt, daß das Leben die objektiven Formen erst aus sich erzeugt und sobald sie dastehen, nicht anders mit ihnen fertig werden kann, als indem es sie wieder zerbricht, mußte für ihn unlösbar bleiben, da er schon in seinem metaphysischen Lebensbegriff angelegt ist. Denn das Leben sucht er „als ein solches zu begreifen, welches die Grenze gegen sein Jenseits stetig übergreift und in diesem Ubergreifen sein eigenes Wesen hat66. Das Verhältnis von Mensch und Natur kehrt bei ihm in der Form wieder, daß das Leben prinzipiell zugleich Leben und Mehr-als-Leben ist. Er verwahrt sich ausdrücklich dagegen, daß die Absolutheit des Anders-Seins abgeschwächt und vermittelt wird: „Der Dualismus, in voller Schärfe beibehalten, widerspricht nicht nur der Einheit des Lebens, sondern ist gerade die Art, wie seine Einheit existiert.66 Simmel übersieht dabei, daß nicht dieser prinzipielle Dualismus unsere zeitliche Aufgabe ist, sondern daß er innerhalb der Zeit je und je seine besondere geschichtliche Gestalt hat und einer bestimmten geschichtlichen Situation angehört, von der aus er angreifbar und eine Lösung möglich ist. So ist auch der Konflikt zwischen Mensch und Maschine, wie ihn Valery sieht, kein prinzipiell zeitloser, sondern ein zeitlicher. Er ist mit unserer zeithchen Situation gegeben, gleichviel, ob man im Naturalismus eine Kinderkrankheit des Wirklichkeitsdenkens sehen will, das seine ersten Entdeckungen maßlos überschätzt, oder ob man darin ein Nach- 152