Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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so mehr wird sie es; je mehr sie es wird, um so weniger ganz werden wir, unfähig, uns ihrer zu begeben. Es gibt eine Umkehrung des Nützlichen." Martin Buber sagt in seinem Buche „Ich und Du": „Das einzige, was dem Menschen zum Verhängnis werden kann, ist der Glaube an das Verhängnis." Der „Glaube" an das Verhängnis ist in Wahrheit nicht Glaube, sondern die Angst, die einem Begriff dadurch, daß sie ihn isoliert und ihm eine prinzipielle Betonung gibt, substanzielle Realität verleiht. Paul Valery geht in der Substanziaüsierung der Maschine bis ans Ende, indem er sie personifiziert. Personifikation ist vollendete Substanziaüsierung. Er sagt ja nicht bloß, daß Menschen unter der Maschinenarbeit leiden (wobei noch zu fragen wäre, ob es die Maschinen an sich ist, die ihnen Leiden verursacht), sondern daß die Maschine die Menschen „weniger ganz44 macht und ihre Seele zerstört. Das kann nur ein Dämon. In Wahrheit verhalten sich die Dins:e umgekehrt: nicht die Maschine o ist es, die die Seele zerstört, sondern Valerys Verhängnisglaube an die Maschine, der nur aus derselben Einstellung zur Wirklichkeit heraus überwunden werden kann, aus der die Maschine geschaffen worden ist. Der Konflikt, von dem Valery spricht, hat seinen Ursprung nicht in einem metaphysischen Gegensatz zwischen der Seele und dem mechanischen Denken, dessen Erzeugnis die Maschine und ohne das sie gar nicht denkbar ist, sondern gerade umgekehrt in dem substanziellen nichtmechanischen Denken der mittelalterlichen Welt, die noch keine Maschinen kannte. Man muß sich in die Geschichte der Anfänge des mechanischen Denkens, in deren Mittelpunkt Galilei steht, vertiefen, um diesen Gegensatz als einen geschichtlichen zu begreifen und sich davon zu befreien, ihn zeitlos und prinzipiell zu sehen. Dafür sei auf das kürzlich erschienene, hervorragende Buch von Ernst Goldbeck „Der Mensch und sein Weltbild44 verwiesen. Aristoteles, der Prototyp des substanziellen Denkers, und mit ihm das ganze Mittelalter bis in den Anfang des 17. Jahrhunderts dachte sich den Himmel als eine Anzahl starrer kristallener Sphären, deren jede einen besonderen „motor" hat, der die Richtung und Geschwindigkeit ihrer Bewegung bestimmt. Der Himmel und die Gestirne bestehen nach ihm aus ätherischer, göttlicher Substanz; in seinem Mittelpunkt, der der Weltmittelpunkt ist, ballen sich die schweren, irdischen Stoffe, die die Erde, die „Kloake der Welt" bilden. Der substanzielle Dualismus des Himmels und der Erde zieht sich durch das 149