Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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und nicht bloß der Wissenschaften, sondern auch der Berufsarbeit, muß noch viel weiter gehen. Doch wird der Charakter dieser Spezialisierung ein ganz anderer, wenn sie (auch von ihren Gegnern) nicht mehr so prinzipiell wichtig genommen wird, wenn die Sondergebiete nicht mehr den Anspruch erheben, mehr zu sein, als Arbeitsteilgebiete. Es ist ein anderes, wenn man (wie Kahler in seiner Polemik gegen Max Weber) sagt: „Die Wissenschaft darf nicht werten", als wenn man (wie Max Weber) sagt: „Die Wissenschaft kann nicht werten.46 Die mannigfaltigen Beziehungen, die einem Begriff sein zugehöriger Hintergrund mitgibt, können wir zusammenfassen im Begriff seiner zeitlichen Situation. Das prinzipielle Denken vernachlässigt die zeitliche Situation des Begriffs; objektive Erkenntnis heißt ihm nur zeitlose Erkenntnis. Ein Begriff ist aber nicht eine ideale, zeitlose, unveränderliche Größe, sondern er hat eine zeitliche Relativität. Dies ist nicht nur eine theoretische Übertragung des physikalischen Relativitätsprinzips auf das geistige Gebiet, sondern es ist eine Wandlung in der Grundeinstellung des Denkens, deren Ursprung außerhalb des Theoretischen liegt; sie ist dem theoretischen Weltbild gegenüber primär und steht im Begriff, es zu verändern und zu erweitern. Das macht sich heute schon bemerkbar. Wir dürfen darin ein Wiedererwachen der wissenschaftlichen Wirklichkeitseinstellung aus der philosophischen Betäubung sehen. Herrschaft und Dienst Zu den immer wiederkehrenden Gegenwartsklagen gehört die über die Mechanisierung (Rationalisierung, Spezialisierung, Differenzierung, Atomisierung) und die daraus entstandene Entseelung des Lebens. Paul Valery schreibt in einem dieser Tage erschienenen Aufsatz „Uber die Krise der Intelligenz": „Die Maschine regiert. Durch sie ist das menschliche Leben eng gefesselt, dem fürchterlich exakten Willen des Mechanismus unterworfen. Diese Werke des Menschen sind streng. Sie wirken jetzt auf ihre Schöpfer zurück und bilden ihn nach sich selbst. Sie bedürfen gutgedrillter Menschen; sie verwischen nach und nach deren Unterschiede und machen sie geeignet für ihre regelmäßige Arbeit, für die Einförmigkeit ihrer Norm. Sie schaffen sich also eine Menschheit zu ihrem Gebrauch, fast nach ihrem Bild. Je nützlicher dieMaschine uns scheint, um 148