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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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Wenn das Verhältnis von Wissen und Glauben prinzipiell angefaßt wird, so erscheinen sie als zwei substanzielle, in sich selbständige Inhaltsbereiche. So wird ihr wirkliches Verhältnis von vornherein verfehlt. Glaube und Wissen gehören zusammen wie Kern und Schale. Alles Wissen hat einen Glaubenskern und aller Glaube hat eine Wissensschale. Der Glaube ist es, der das Wissen zugleich begründet, denn hinter allem Wissen steht der Glaube an eine geordnete Wirklichkeit, und wieder aufhebt, denn kein Wissen erschöpft diese Wirklichkeit. Daher darfauch diese Bestimmung nicht als erschöpfend gelten, als sei damit schon alles gesagt. Die Welt des Glaubens ist der Hintergrund, der hinter allem begrenzten Sagen und Tun steht und in dessen Zusammenhang jede Grenze relativiert wird. Der Glaubenshintergrund ist es also, der es verbietet, einen einzelnen Satz oder einen einzelnen Begriff zu isolieren und für sich zu nehmen, so als ob damit die Wirklichkeit erschöpfend zum Ausdruck gebracht wäre. Wir können immer nur das eine sagen und das andere meinen, das eine tun und das andere erwarten: unser Haben ist, als ob wir nicht hätten. Da hinter allem was wir sagen, ein unaussprechbarer Hintergrund von Beziehung und Betonung bleibt, ist es fast unmöglich, das Mißverständnis zu vermeiden. So dürfen diese Sätze nicht mit einem positiven Vorzeichen versehen und als eine mystische Lehre verstanden werden, sondern sie sind mit negativem Vorzeichen gesagt und drücken die Not und Grenze unseres Sprechens aus. Unsere Worte würden nur dann sagen, was wir meinen, wenn sie zugleich zum Ausdruck brächten, wieviel Gewicht wir dem Gesagten beimessen, welchen Geltungsbereich wir dafür in Anspruch nehmen, an welchem Ort zwischen den Grenz - fällen Ja und Nein wir stehen. Die Schwierigkeiten, die sich daraus für das Verständnis eines Textes ergeben, werden deutlich sichtbar in der Geschichte der biblischen Exegese und es ist auch fast nur davon die Rede in den Theorien der Exegese, die zu verschiedenen Zeiten aufgestellt wurden. Man findet hier alle Ubergangsstufen von der engsten wörtlichen Auslegung bis zur zügellosesten Allegorie, die jede Philosophie in den gegebenen Text hineininterpretiert. Von welcher Tragweite es sein kann, welches Gewicht durch die Auslegung einem Wort gegeben wird, dessen Sinn an sich ganz klar ist, zeigt das Lutherische „allein durch den Glauben44, das den Unterschied der protestantischen und katholischen Rechtfertigungslehre zum Ausdruck bringt. Und doch ist auch 146

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