Die Kreatur
- Journal
- Die Kreatur
- Volume
- 1 (1926-1927)
- Issue
- Heft 2
- Date
- 1926-01-01
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Wirklichkeit steht nicht am Ende, sondern am Anfang der Erkenntnis, Sie wird nicht von der schöpferischen Vernunft erst erschaffen, sondern als Schöpfung erkannt. Doch darf dies Wort nicht in dem verengten Sinn eines massiven theologisch-dogmatischen Begriffs verstanden werden; den theologischen Schöpfungsbegriff kann auch der gebrauchen lernen, der nicht an die Schöpfung glaubt. Von der Welt als von einer Schöpfung sprechen (ohne diesen Begriff zu gebrauchen), kann nur der, der sieht, und es sieht nur der, der glaubt. Glauben und Wissen Glauben wir an die Welt, an die Schöpfung, an eine geordnete irklichkeit, so sehen wir, daß die Philosophie nichts anderes ist als eine krampfhafte Bemühung, nicht zu glauben. Glaube läßt die Welt offen und nimmt sie hin; die Philosophie schließt sie als Totalität in die festen Grenzen eines Systems ein, sie will die Wahrheit als runde und begründete Notwendigkeit, kompakt und massiv, in Händen haben. Wieviel Worte sind vor den Glauben gestellt worden! Wieviel Scharfsinn ist aufgewendet worden, um zu beweisen, daß wir nicht glauben, sondern wissen und daß das Wissen nichts mit dem Glauben zu tun hat, ohne daß etwas anderes dabei herausgekommen wäre, als daß für den Glauben ein anderes Wort gesetzt wurde, dem man seinen religiösen Ursprung nicht mehr auf den ersten Blick ansieht. Nicht jeder Philosoph war so weise wie Kant und auch Kant war es nicht in jedem Augenblick wie in dem, als er schrieb: „Ich mußte also das Wissen (das heißt den Anspruch des Wissens) aufheben, um zum Glauben Platz zu machen." Glauben und Wissen sind nicht zwei Felder, zwischen denen eine starre, unverrückbare Grenze zu ziehen ist. Das Verhältnis von Glauben und Wissen läßt sich nicht prinzipiell lösen, indem man sie reinlich voneinander scheidet und jedem sein besonderes Gebiet zuweist, so daß sie nichts mehr miteinander zu tun haben. Sie stehen auch nicht in einer dialektischen Antithese zueinander, so daß der Glaube das Wissen oder das Wissen den Glauben ausschließt; noch lassen sich sich aufeinander zurückführen, so daß Glauben eine besondere, durch subjektive Gründe bestimmte Art des Wissens wäre, weder eine objektiv minderwertige, noch eine pragmatisch höherwertige. Der Glaube hat überhaupt keinen subjektiven Charakter und hat weder mit dem Willen noch mit dem Gefühl etwas zu tun. 145