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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 10)
Language
German
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suchungen über das „Wesen" des Theaters, der Ehe, des Staates, der Theologie, der Wissenschaft, der Frau, der Freundschaft, der Bildung, der Kirche, des Eros usw., die alle den Anspruch erheben, ihre Sache „im tiefsten Grunde", „in letzter Linie" und in andern superlativischen Hinsichten zu erfassen. Wenn die Wirklichkeit trotzdem einen andern Weg ging, um so schlimmer für sie! Die Methode ist immer dieselbe: der Gegenstand wird zunächst isoliert und dann als Totalität betrachtet. Von allen Beziehungen, in denen er steht, bleiben nur die zeitlosen, statischen der Identität und der ausschließlichen Antithese. So wird es möglich, Aussagen über eine Sache „überhaupt" zu machen, die den Anspruch der Zeitlosigkeit und Notwendigkeit, der Endgültigkeit, reiner Sachlichkeit und damit der Wirklichkeit erheben. Prinzipiell betonte Begriffe und Aussagen sind kategorisch, massiv, systematisch. Indem wir prinzipiell denken, unterhegen wir einem Zwange. Wir tun es nicht freiwillig, sondern wir können nicht anders. Es ist wie ein Krampf. Zuerst ist es vielleicht ein Übermut gewesen, jetzt geschieht es aus Not. Wir büßen damit den Autonomieanspruch des Denkens. Prinzipielles Denken ist reines, voraussetzungsloses Denken ohne Sehen, denn sehen kann man nur da, wo man glaubt. An Stelle des Glaubens an die Wirklichkeit hat es nur ideelle Postulate, die hinterher als stützende Prinzipien in das Weltbild eingebaut werden. Das prinzipielle Denken, das um seiner Totalität und Zeitlosigkeit willen eine „Einstellung" leugnet, die vor dem Denken liegt, kann nur erlöst wTerden, wenn es seinen prinzipiellen Anspruch aufgibt, wenn es seine Grenzposition am Rande des Raumes und der Zeit verläßt und in eine reale Position zurückkehrt. Das bedeutet für die Grenzfall-Erkenntnistheorie dasselbe wie die Einführung der Zeit in die Gesetze der klassischen Grenzfall-Mechanik. Der Erkenntnisgrund liegt dann nicht mehr allein im Denken, sondern im Denken und im Sehen; ihr Verhältnis ist nicht mehr ein antithetisches, sondern ein reales. Liegt der Erkenntnisgrund allein im Denken, so bleibt für das Sehen nur der Charakter eines physiologischen Aktes übrig. Sehen ist aber mehr. Sehen setzt eine geordnete Wirklichkeit voraus. Das bedeutet aber, daß die Gesetze der Natur, die wir erkennen, ihr nicht von der autonomen ordnenden Vernunft vor- und eingeschrieben sind, sondern daß wir in ihnen die Ordnung der Schöpfung erkennen. Daß A A ist, ist kein logisches Gesetz, sondern ein Gesetz der Wirklichkeit. 144

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