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Die Kreatur · 1926-01-01 · Heft 2 · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Kreatur
Volume
1 (1926-1927)
Issue
Heft 2
Date
1926-01-01
Page
– (sequence 9)
Language
German
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Das prinzipielle Denken t)er prinzipiell betonte Begriff ist ein Rest des Glaubens an eine absolute, massive Wahrheit. Die Hüterin dieses Glaubens ist die Philosophie, nicht die Wissenschaft. Das prinzipielle Denken beruht auf einer Uberwucherung der Philosophie über die Wissenschaft. Die Wissenschaft hat ihren Ursprung in der Wendung Galileis von der Frage nach dem Was zu der Frage nach dem Wie. Das bedeutete eine Wendung vom substanziellen zum funktionellen, vom statischen zum dynamischen Denken. Auf der Bahn, die damit betreten war, haben wir bis heute nur die ersten Schritte getan und die Schritte, die die Wissenschaften, die historischen ebenso wie die naturwissenschaftlichen, vorwärts getan haben, hat die Philosophie durch die prinzipielle Betonung, die sie auf den Begriff legte, wieder rückgängig gemacht. CT ö O ü Im Weltbild der Vorkriegszeit stehen die Begriffe scharf und hart gegeneinander. Der Souveränitätsanspruch der Staaten ist nur die Analogie zum Totalitätsanspruch der Begriffe. Die Begriffe objektivierten sich zu Realitäten und so standen überall isolierte und scharf gegeneinander abgegrenzte Gebiete (z. B. die verschiedenen Einzelwissenschaften) nebeneinander, die man vergeblich in einer ,,Synthese** zusammenzufassen suchte. Die Synthese konnte höchstens in einem neuen übergreifenden Begriff einen Zusammenhang konstruieren, aber in einer systematischen Konstruktion werden die Scheidelinien zwischen den Begriffen nicht aufgelöst, sondern nur noch stärker betont; ebenso wie ein juristischer Friedensvertrag die Völker mehr trennt als vereinigt. Man sucht das Übel an falscher Stelle, wenn man es in einem Uberwuchern des Intellekts über die Seele sucht. Das ist begrifflich gedacht. Die Wirklichkeit ist aber keine Ebene, in der sich wie auf einem Blatt Papier scharfe Grenzen ziehen lassen. Begriffe lassen sich definieren, die Dinge der Wirklichkeit dagegen stehen nicht als kompakte Größen nebeneinander, sondern sind durch unzählbare Ubergänge und Beziehungen miteinander verflochten. Daher dürfen die Verhältnisse, in denen Begriffe zueinander stehen können, nicht auf die Wirklichkeit übertragen werden. Die Wirklichkeit hegt nach dem paradoxen Ausdruck Grisebachs nicht im Begriff, sondern im Widerspruch, das heißt an der Grenze, wo dem Begriff widersprochen wird. Das gilt jedoch nur vom prinzipiell betonten Begriff. Was ist uns an prinzipiellem Denken alles zugemutet worden in Unter- 143

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